Mittwoch, 10. März 2010
Markus Zschaber, V.M.Z.
Der Aufschwung kommt
In meinem Investmentprozess haben sich die Stabilisatoren für die jüngste Weltwirtschaftskrise im Vergleich zu der Vielzahl an vergangenen Krisen dahin verschoben, dass es nicht mehr die Industrienationen sind, die als solche definiert werden, die eine hohe Produktivität vorweisen können, sondern die Nationen, die über eine geringe Verschuldung und eine ökonomische Wachstumsstruktur verfügen.
Zum ersten Mal in der Geschichte des marktwirtschaftlichen Geflechts stellen diese Nationen die Emerging Markets dar, was bedeutet, dass man durchaus von einem gewissen Paradigmenwechsel sprechen könnte, vielleicht sogar sprechen muss. Wenn ich in meiner Funktion als Vermögensverwalter das Marktgeschehen auf ökonomischen Sachverstand prüfe, bleibt festzuhalten, dass die Wachstumsprämien, welche an den Märkten für diese besagten Emerging Markets zu erzielen waren und zu erzielen sind, auch als gerechtfertigt einzustufen sind, denn die wirtschaftliche, finanzielle und potenzielle Gesamtstruktur dieser Volkswirtschaften gilt als gesund.
"Der Aufschwung kommt" ist der Titel meines neuen Buches und dieser beschreibt in der Konsistenz genau diese Perspektive der Emerging Markets, dass sie im Hinblick auf die Verwerfungen, welche die Weltwirtschaftskrise hervorgerufen hat, die Gewinner im internationalen Vergleich sind. Auf der anderen Seite beschreibt es aber auch, dass der Wohlstandsanspruch auf zukünftiges Wachstum und Produktivität in einigen Teilen der Industrienationen nicht der Realität entspricht. Wenn ich mir das ökonomische Gesamtgerüst der USA vor Augen halte, kann mittlerweile von einer echten Bescheidenheit der Marktteilnehmer gesprochen werden. Fakt ist, dass die USA seit Beginn der Krise ein Staatsdefizit von über 2.500 Mrd. US-Dollar neu generiert hat, um die Güter- und Liquiditätströme überhaupt zu stabilisieren, somit auf niedrigem Niveau. Fakt ist, dass die USA bei einem Leitzins von 0 bis 0,25 Prozet defakto ein negatives Realzinsniveau seit nun mehr als 12 Monaten akzeptieren muss, um die Konjunktur zu stützen. In der gesamten USA wurden seit Beginn der Krise 8,5 Mio. Stellen abgebaut (ohne Agrarsektor), so dass in naher Zukunft auch mit keiner erhöhten Lohndynamik zu rechnen ist, die wiederum zu einem höheren privaten Verbrauch führen könnte. Den positiven Impuls, den derzeit viele andere Marktteilnehmer für die USA erkennen, dass sich die Bruttoanlageinvestitionen der US-Unternehmen gesteigert haben, um für eine positive Dynamik des US-Markts zu sprechen, teile ich nicht. Denn betrachtet man diese Investitionen im Detail, kann zum einen festgehalten werden, dass sich der fiskalpolitische Impuls bei der Staatsverschuldung sukzessive reduzieren wird, auf der anderen Seite der Lagerzyklus diese besagten Investitionen verzehrt.
Der wichtigste Aspekt, den ich aber in Bezug auf die Investitionen erkenne, ist, bei einer Bereinigung um den Lagerzyklus, dass es sich bei den restlichen Investitionen nicht um Erweiterungsinvestitionen handelt, sondern um sogenannte Rationalisierungsinvestitionen. Das Fundament neuer struktureller Investitionsbereitschaft bei den Unternehmen gilt nach meiner Ansicht als nach wie vor dünn, was auch durch die geringfügigeren Produktionsmenge der US - Volkswirtschaft, die niedrige Kapazitätsauslastung und die bereits tendenziell hoch verschuldeten US – Firmen untermauert wird. Daraus resultiert nach meinem ökonomischen Weltbild, dass sich die gesamtwirtschaftlichen Abhängigkeiten des globalen System sukzessive und in zunehmender Dynamik von den USA hin zu den strukturell gesunden Volkswirtschaften hinbewegen werden und eine Umverteilung der Liquiditätsströme, durchaus in naher Zukunft, noch stärker stattfinden wird. Der Aufschwung kommt - in Kombination mit einem sich intensivierenden Paradigmenwechsel, einer zunehmenden Anpassung bzw. Umverteilung der Liquidität und einer neuen Wachstumsquelle.
Bereits heute tragen die Emerging Markets einen mehr als fünzigprozentigen Beitrag zum weltweiten Bruttoinlandsprodukt und durch die Krise sind diese nicht gerade schwächer geworden. Im Gegenteil, häufig nutzen diese Nationen und ihre Unternehmen die aktuelle Situation aus, um sich Technologie - Know – How direkt im Westen einzukaufen, wie das Beispiel Volvo zeigt. Interessant ist, dass in diesen Volkswirtschaften die eigenen Absatzmärkte mittlerweile ein solches Potenzial mitbringen, dass die Interessenslagen der großen Schlüsselindustrien sich dahingehen verschoben haben, dass die westlichen Unternehmen diese für sich zunehmend stärker nutzen wollen und auch bereit sind, um Marktanteile im Westen dafür aufzugeben. Die Marktteilnehmer honorieren dies bis dato zufriedenstellend. Die Frage ist nur: Wie lange wird ihre Bescheidenheit andauern, vor allem wenn der Wettbewerb in Fernost nicht gerade dazu beitragen wird, dass die heimischen historischen Gewinnwachstumsraten zukünftig eher nach unten angepasst werden müssen.
Ihr Markus Zschaber
Markus C. Zschaber ist leitender Fondsmanager der V.M.Z. Vermögensverwaltungsgesellschaft (www.zschaber.de) in Köln. Nach seinem BWL-Studium ließ er sich in den USA bei der Chase Manhattan Bank zum Fondsmanager ausbilden und kehrte danach wieder zurück in seine Wahlstadt Köln. Bereits mehrfach ausgezeichnet für sein Portfoliomanagement, zuletzt als "Bester Fondsverwalter 2008"durch den "Handelsblatt-Elite-Report", kennen ihn die n-tv-Zuschauer seit 1997 als Experte unter anderem in der Telebörse, dem Investment-Check, Börse@n-tv oder dem Geldanlagecheck. Zwei seiner Fachbücher konnten Leser bereits in den Bestseller-Listen finden, zuletzt das Buch "Der Börse voraus" als Gemeinschaftsproduktion mit dem Nachrichtensender n-tv.