Freitag, 16. Oktober 2009
Ralf Goerkes Aktienklima 10/09
Weiter als erwartet
Ralf Goerke, Momentuminvetsor.de
Wer in der Lage ist, das Aktienklima eindeutig zu bestimmen, kann sich entsprechend an den Börsen positionieren: In der Hausse wird das Depot zu 100% mit guten, trendstarken Aktien bestückt, in der Baisse ist man nicht mehr investiert oder setzt gar auf fallende Kurse.
„Atypisches Börsenjahr“ lautete die Überschrift dieser Kolumne zum allgemeinen Aktienklima vor genau vier Wochen am 18. September (s. Archiv). Darin wurde auf den bisher atypischen Verlauf der Börsenentwicklung in diesem Jahr hingewiesen. Das Fazit war, dass selbst für den statistisch schlechtesten Börsenmonat September dieses Mal ein guter Ausgang für möglich gehalten wurde und dass die hier verwendeten Modelle noch nicht die Gefahr eines Rückschlages andeuteten.
Tatsächlich endete der gefürchtete September dieses Jahr überaus freundlich! Im Durchschnitt konnten fünfzig internationale Börsenindizes auf Basis ihrer Heimatwährungen 4,7% zulegen. Insgesamt schlossen nur vier Börsen (darunter Japan) im Minus. Auch seit der letzten Analyse haben sich die Börsen weltweit positiv entwickelt und legten durchschnittlich 2,6% zu. Dabei lag das Verhältnis der Gewinner- zu den Verliererindizes in den letzten vier Wochen bei 42:8. Das zeigt, wie stark die Bullen zuletzt am Ruder waren.
Der Aktienklima-Indikator, der Anlegern die Veränderung und den Status Quo des globalen Börsenklimas vor Augen führt, liegt nach wie vor über seinem langjährigen Durchschnitt und hat sich gegenüber der Analyse von Mitte September hinsichtlich seines Niveaus kaum verändert (Abbildung 1). Er ist allerdings inzwischen unter seinen gleitenden Durchschnitt (GD) gefallen (s. blauer Pfeil). Damit ist er nach der Interpretation dieses Modells in das Stadium einer allgemeinen Korrektur (magentafarbene Phase) eingetreten. Daran konnte auch die zuletzt sehr freundliche Tendenz an den internationalen Börsen nichts ändern.
Das Chartbild zeigt Ihnen, dass die Hausse-Bewegung inzwischen in eine sehr reife Phase eingetreten ist. Der Indikator läuft seit geraumer Zeit nur noch mehr oder weniger seitwärts.
Auffallend ist vor allen Dingen die sich seit Monaten aufbauende Divergenz zum MACD im unteren Chartfenster. Seit dem Hochpunkt im MACD (Punkt C am 8. Mai) sind jetzt schon mehr als fünf Monate vergangen! Schon in der letzten Analyse schrieb ich, dass derartige Divergenz-Ausformungen hinsichtlich ihrer zeitlichen Ausprägung nur sehr schwer einzuschätzen sind. Seither sind die Kurse gestiegen, der MACD ist jedoch trotzdem noch weiter unter seinen Schwellenwert (Null-Linie) gefallen (s. blauer Pfeil) und die Divergenz wurde damit noch größer. Wann löst sie sich endlich auf?
An dieser Stelle veröffentliche ich erstmals den von mir entwickelten Divergenz-Indikator für ein breites Publikum. Genauso wie in Abbildung 1 eine negative Divergenz festgestellt wird, kann natürlich auch untersucht werden, wie viele Divergenzen in den Aktien eines Index auftreten. Dies verdeutlicht der Divergenz-Indikator. Er zeigt in der Abbildung 2 die Anzahl der positiven (grün) und negativen Divergenzen (rot) für die 30 DAX-Aktien in den letzten 1½ Jahren. Der letzte Hochpunkt im DAX (Punkt 1), der von einer nennenswerten Konsolidierung abgelöst wurde, war von einer hohen Zahl negativer Divergenzen begleitet (Punkt A). Dies war ein Zeichen abnehmenden Momentums im Markt. Auch die aktuelle Situation (Punkt 2) zeigt wieder eine vergleichsweise hohe Anzahl negativer Divergenzen (Punkt B). Zwar gibt es an der Börse keine Garantien – es muss also jetzt nicht zwangsläufig zu einer Korrektur kommen – aber das Chance/Risiko-Verhältnis für den Anleger hat sich aus Sicht der „Divergenz-Betrachtung“ erstmals verschlechtert. Oder anders ausgedrückt: Der DAX ist auf dem jetzigen Niveau zumindest anfälliger für Korrekturen geworden.
Ist der DAX in einer Übertreibungsphase? Derartige Fragen lassen sich beantworten, indem der Abstand des Kursniveaus zu einem gleitenden Durchschnitt gemessen wird und mit zurückliegenden Übertreibungsphasen im Rahmen einer möglichst langfristigen Rückblende verglichen wird. Der bekannteste gleitende Durchschnitt ist der 200-Tage-GD. Was liegt also näher als einmal den DAX dahingehend zu untersuchen, wie weit er sich in der Vergangenheit von diesem GD entfernt hat? Dies sehen Sie in Abbildung 3.
Im oberen Chartfenster sehen Sie den DAX mit seiner 200-Tage-Linie (rot) im Zeitraum der letzten zehn Jahre. Die langfristigen Wendepunkte des GDs wurden mit Pfeilen hervorgehoben.
Im mittleren Chartfenster sehen Sie den prozentualen Abstand des DAX zu diesem 200-Tage-GD. Derzeit liegt er etwa 20% über der Durchschnittslinie (gelbes Oval). Dass dies eine Hausmarke ist, die es zu beachten gilt, zeigt Ihnen das Verhalten in den Jahren 2003 und 2007. Dort kam es ebenfalls zu derart hohen prozentualen Entfernungen vom GD und auch zu entsprechenden (allerdings nur kleineren) Konsolidierungen (Punkte 1 und 2).
Dass es jeweils nur kleinere Konsolidierungen waren, lag vermutlich daran, dass gleichzeitig eine hohe Anzahl von internationalen Indizes mit ihren Kursen über ihren steigenden gleitenden 200-Tage-Linien notierten. Dies zeigt ihnen nämlich das Chartbild im unteren Fenster. Auch jetzt liegen wir immer noch bei 100%, d. h. alle 30 internationalen Indizes, die hier in die Berechnung einfließen, haben Kurse über ihren steigenden langfristigen GDs und das ist ein guter Wert.
Fazit:
Die Märkte sind bisher weiter gelaufen als von mir erwartet. Ich hatte schon in den letzten zwei Wochen mit einer allgemeinen Konsolidierung gerechnet. Bisher ist sie ausgeblieben. Dass jedoch ein solcher, durchaus gesunder „Rücksetzer“ auf dem derzeitigen Niveau ins Kalkül mit einbezogen werden sollte, habe ich Ihnen anhand verschiedener Methoden der technischen Analyse dargelegt. Wohlgemerkt: Konsolidierung! Nicht Trendwende, Baisse oder gar Crash! Damit rechne ich aufgrund des ansonsten langfristig gesunden Marktumfeldes aktuell nicht. Denn dazu fehlen mir auf aktueller Basis die Anhaltspunkte. Für einen Neueinstieg ist der Markt zu korrekturanfällig. Kursgewinne in bestehenden Positionen werden durch nachgezogene Stoppkurse abgesichert. Vielleicht fällt ja der Beginn der Korrektur genau in den Anfang des für Aktienanlagen statistisch guten Halbjahres ab November? Würde doch in ein „atypisches Börsenjahr“ gut hineinpassen oder?
Mehr Informationen zur Strategie von Ralf Goerke finden Sie unter: Momentuminvestor.de