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Der Dow in der Chartanalyse: Die sieben Hindenburg-Omen

Von Robert Rethfeld

Kein Börsen-Crash in den vergangenen Jahrzehnten ohne vorheriges Hindenburg-Omen? Zumindest als Angstmacher macht sich diese charttechnische Konstellation ganz hervorragend. In dieser Handelswoche war es wieder soweit. Was nun?

Man kann darüber diskutieren, ob am Mittwoch ein Hindenburg-Omen ausgelöst wurde. Dabei geht es knapp zu. Das "Wall Street Journal" verzeichnete 69 neue 52-Wochen-Tiefs an der Nyse, andere Daten-Provider erfassten am Mittwoch 70. Bei 70 neuen Tiefs wäre ein Hindenburg-Omen aufgetreten, bei 69 nicht. Wir haben das Omen auf dem folgenden Chart eingezeichnet. Selbst wenn wir es werten, so verleiht doch erst das Auftreten mehrerer Omen innerhalb eines kurzen Zeitraums eine gewisse Validität.

(Foto: Wellenreiter-Invest)

 

Das Hindenburg-Omen hat in diesem Jahr recht gut funktioniert. Nicht im Bezug auf die Vorhersage einer starken Abwärtsbewegung, aber doch in dem Sinne, dass nach mehreren Hindenburg-Omen hintereinander eine Korrektur folgte (im Juni und im August).

Die traditionelle Definition eines Hindenburg Omens umfasst vier Kriterien:

1. Die tägliche Zahl der neuen 52-Wochen-Hochs und der neuen 52-Wochen-Tiefs an der Nyse müssen sich beide oberhalb von 2,2% der an dem Tag an der Nyse gehandelten Werte befinden.

2. Der Nyse 10-Wochen-GD (50-Tage-GD) steigt.

3. Der McClellan Oszillator ist an diesem Tag negativ.

4. Die Zahl der neuen 52-Wochen-Hochs darf nicht mehr als zweimal so groß sein wie die Zahl der neuen 52-Wochen-Tiefs. Umgekehrt ist es in Ordnung.

Warum wird eine auf dem ersten Blick unverständliche Kombination von Faktoren gewählt, um Signale für ein Markthoch herauszufiltern? Wenn die Zahl der neuen Hochs und die Zahl der neuen Tiefs sich gleichzeitig auf einem recht hohen Niveau befindet, bedeutet dies entweder "Distribution" oder "Rotation". Viele Aktien steigen noch, während andere Werte bereits im Niedergang begriffen sind. Die zweite Bedingung ("Nyse 10-Wochen-GD steigt") soll sicherstellen, dass eine solche Phase nur nach einer vorhergehenden Aufwärtsphase erfasst wird. Die dritte Bedingung ("McClellan-Oszillator negativ") ist ebenfalls ein Distributionsmerkmal. Wenn der Oszillator negativ ist, bedeutet dies, dass die Marktbreite nachlässt und die Zahl der fallenden Aktien an jenem Tag die Oberhand über die Zahl der steigenden Aktien gewonnen hat. Die vierte Bedingung versucht sicherzustellen, dass das Omen nur dann auftritt, wenn die Distribution gleichmäßig geschieht.

Das Auftreten aller vier Kriterien an einem Tag wird häufig als unbestätigtes Signal bezeichnet. Ein Hindenburg-Omen gilt dann als bestätigt, wenn es innerhalb von 36 Tagen ein zweites Mal auftritt. Häufig wird noch als fünfte Bedingung genannt, dass die kleinere der beiden Zahlen (neue 52-Wochen-Hochs und Tiefs) größer als 79 sein muss. Wir halten diese Bedingung für nicht korrekt, da sich ansonsten in den 60er und 70er Jahren keine Signale ergeben hätten.

Es kommt vor, dass das Hindenburg-Omen in der Unterscheidung von "Distribution" und "Rotation" versagt. Es kann beispielsweise sein, dass Nebenwerte ihren Anstieg pausieren, während Standardaktien relative Stärke zeigen. Parallel könnte eine Rotation von offensive in defensive Titel stattfinden. Rotieren die Aktien lediglich, dann tritt eine vergleichsweise kurze Korrekturphase auf, gefolgt von der Fortsetzung der Aufwärtsbewegung. Die durch das Hindenburg-Omen angezeigten Korrekturen im Juni und August 2013 lassen sich der Kategorie Rotation zuordnen.

Distribution hingegen lässt sich als gezielten Übergang der Aktien von starke in schwache Hände beschreiben. Eine Aufwärtsbewegung wird schwächer, geht in eine Top-Bildungsphase über und führt schließlich zu einer Abwärtsbewegung, die mehr ist als eine Korrektur.

Man denke an die sieben Hindenburg-Omen, die zwischen dem 3. und 13. Dezember 1999 an sieben Handelstagen hintereinander auftraten (siehe Pfeil folgender Chart).

(Foto: Wellenreiter-Invest)

 

Auch im Vorfeld der Rezession von 2007 bis 2009 traten sieben Hindenburg-Omen innerhalb einer kurzen Periode auf (13.06. bis 24.07.; siehe Pfeil folgender Chart).

(Foto: Wellenreiter-Invest)

 

Ein Blick in die Geschichte der Zahlensymbolik zeigt, dass die Zahl 7 eine Sonderstellung hat ("Sieben Weltwunder"; "Sieben Zwerge"). Fragt man beliebige Personen nach einer Lieblingszahl zwischen 1 und 9, liegt - laut Wikipedia - die Zahl 7 vorn.

Warten wir also ab, ob weitere Hindenburg-Omen auftreten.

Das wohl berühmteste und am meisten zitierte Beispiel für das rechtzeitige Auftreten des Hindenburg-Omens betrifft den Crash von 1987. Damals reichten drei Signale, die zwischen dem 24. September und 6. Oktober 1987 generiert wurden (blauer Pfeil nächster Chart).

(Foto: Wellenreiter-Invest)

 

Die Saisonalität gibt eine Entwicklung wie 1987 nicht her. Die drei Monate November, Dezember und Januar stellen die stärkste Dreimonatsperiode des Aktienmarktes dar. Vorstellbar ist allerdings, dass sich im Verlauf der kommenden Wochen bis in den Januar hinein immer mal wieder ein Hindenburg-Omen ergibt. Solche Omen würden zu erkennen geben, dass die Märkte mindestens rotieren, wenn nicht sogar distribuieren.

Sollten dann mehrere Omen aufgetreten sein und die Marktbreite sich immer schwächer zeigen, dann könnte eine Phase der Top-Bildung abgeschlossen sein. Entscheidend ist nicht die Zahl 7. Wichtig ist die Feststellung, dass der Auftritt einer ganzen Reihe von Omen im Rahmen eines engen Zeitclusters ein deutliches Warnsignal für die Märkte ist. Wenn’s dann wirklich erneut sieben sind, würden wir diese Parallelität mit einem Heben der Augenbraue à la Mr. Spock quittieren.

Quelle: n-tv.de

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