Seit Tagen schlafen sie unter freiem Himmel.
Tagsüber ziehen sie unter lauten Protestrufen durch die Häuserschluchten an der Südspitze Manhattans.
Ihr Ziel ist die Wall Street, das finanzielle Zentrum der US-Wirtschaft: Für die Teilnehmer der Aktion "Occupy Wall Street" (zu deutsch etwa: "Besetzt die Wall Street!") ist es der Mittelpunkt einer Weltordnung, die längst aus den Fugen geraten ist.
Die Proteste laufen seit dem 17. September. Verschiedene Aktivistengruppen hatten zu einem US-amerikanischen "Tag des Zorns" aufgerufen.
Argwöhnisch behält die New Yorker Polizei die Lage an den Absperrgittern rund um die Börse im Auge. Die medienwirksam angekündigte Blockade der Börse wird weitgehend geräuschlos durch die Staatsgewalt verhindert.
Offiziell kennt die Bewegung keinen Anführer. Erklärtes Vorbild sind die demokratischen Bewegungen des "arabischen Frühlings". Ziel ist eine Erneuerung der Vereinigten Staaten "von unten": ein Amerika, in dem der Wohlstand den Bürgern dient - und nicht die Bürger dem Wohlstand.
Die neuen Wutbürger der USA rufen nach einer "amerikanischen Revolution".
Im New Yorker Finanzviertel ernten sie dafür skeptische Blicke.
Während draußen Anwohner, Touristen und Passanten im Slalom durch die Polizei-Absperrungen strömen, läuft der Geschäftsbetrieb im Inneren der New Yorker Börse ungestört und so "normal" wie irgend möglich.
Zum Start in die Woche läuten prominente Gäste wie Jacob Zuma (Mitte), Präsident von Südafrika nebst Gattin, in Begleitung von Börsenchef Duncan Niederauer (rechts) vom Nyse-Balkon aus die Eröffnungsglocke.
Kurz darauf schüttelt mit "Medal of honor"-Träger und US-Marine-Sergeant Dakota Meyer ein echter Kriegsheld schwitzige Händlerhände.
In den Monitoren spiegeln sich die mittlerweile vertrauten Sorgen von Anleger udn Analysten: Griechenland, die Staatsschulden, die Pläne der Fed, die Absturzgefahr der Banken und die katastgrophale Lage am US-Arbeitsmarkt.
Genau das treibt die Menschen - eine insgesamt überschaubare Anzahl - auf die bekannteste Straße der Vereinigten Staaten: In der Mehrzahl sind es junge, gut ausgebildete US-Amerikaner, die ihrer Unzufriedenheit lautstark Ausdruck geben.
"Die Wall Street ist unsere Straße" steht auf Plakaten, Handzetteln und in den Aufrufen im Internet. Die Proteste sind digital bestens vernetzt. Allein bei Facebook verfolgen zeitweise fast 50.000 Unterstützer die Ereignisse in Manhattan.
Ein eigener Livestream dokumentiert die Entwicklung: Unter www.livestream.com/globalrevolution können Zuschauer aus aller Welt Liedvorträge, Reden und zuweilen auch eine Verhaftung live mitverfolgen.
Mit Sprechhören und auf Plakaten kritisieren die Demonstranten die Übermacht einzelner Unternehmen: Ratingagenturen, Rüstungsunternehmen, Finanzriesen. "Im 21. Jahrhundert haben Konzerne mehr Macht erlangt als Staaten", lautet eine zentrale Erkenntnis.
Dagegen ziehen sie mit ihren beschränkten Mitteln zu Felde: Im Internet findet ihr andauernder Protest ein weltweites Echo. Medien aus aller Welt berichten über die Proteste. Die großen US-Sender halten sich bislang zurück.
Skeptische Beobachter wenden ein: Die Mobilisierungsmacht ihrer friedlichen Protestrufe bleibt weit hinter den Massenaufständen in Tunesien, Ägypten oder Libyen zurück.
Doch mit ihren einfachen Formeln treffen die Kritiker eines ungezügelten Kapitalismus den Nerv der Zeit: Viele US-Bürger sehen sich nach der großen Finanzkrise in einer nicht enden wollenden Misere gefangen - finanziell, emotional und politisch.
Nach drei Jahren Krise sind die Unzufriedenen nicht mehr zu übersehen. Womöglich bahnt sich in Manhattan ein größerer Umschwung in der öffentlichen Meinung an. Eine solche Bewegung könnte die Wall Street kaum ignorieren.
Schwer vorhersagbar scheint, welche Kanäle sich das Misstrauen und der Zorn in den kommenden Wochen und Monaten noch bahnen wird.
Sicher ist nur eines: Die USA brauchen dringend eine neue Vision von ihrer eigenen Stärke. Die Vereinigten Staaten müssen sich - wieder einmal - neu erfinden.
(Text: Martin Morcinek, Stand: September 2011)
Die Daten werden nur zum Versenden der Nachricht benutzt und nicht gespeichert.
Bitte überprüfen Sie Ihre Angaben.
Quelle: boerse-frankfurt.deExperteer bietet Ihnen Zugang zu renommierten Personalberatungen sowie Stellenangebote ab 60.000 €.
Die wichtigsten Ereignisse der Woche aus Wirtschaft, Börse und Konjunktur....»
Regelmäßige Outperformance der Indizes durch kollektive Intelligenz: Entdecken Sie einen neuen Analyseansatz für die Anlageauswahl an der Börse. ...»
Impressum: © teleboerse.de 2012 Alle Rechte vorbehalten, Datenschutzerklärung und Informationen zu unserer Werbung, Nutzungsbedingungen Website, Die Seite wird vermarktet von IP Deutschland GmbH, produziert von der nachrichtenmanufaktur GmbH, Programmierung Börsenseiten und Kurse: vwd group