Die Welt verlangt nach Öl. Der Durst ist groß, die Nachfrage steigt, das Geschäft floriert.
Autofahrer spüren das Auf und Ab der Weltmärkte an der Tankstelle: Bei jedem Besuch strömt Geld in die Kassen der Ölkonzerne.
Mit dem Rohstoff aus dem Boden verdienen sich die großen Namen der Branche eine goldene Nase: Quartal für Quartal wirft die Ausbeutung natürlicher Vorkommen gewaltige Summen Reingewinn ab.
Kein Wunder: Die Kundschaft ist abhängig. Trotzt einiger ernsthafter Abnabelungsversuche bleiben die Industrienationen auf absehbare Zeit auf Erdöl angewiesen.
Zur Aufrechterhaltung ihrer Wirtschaftsleistung benötigen die entwickelten Staaten einen konstanten Nachschub in gewaltigen Mengen und am besten zu einem möglichst günstigen Preis. Wie viel Öl verbraucht die Welt?
Nach Angaben der Internationalen Energieagentur (IEA) ist die durchschnittliche Nachfrage nach Rohöl derzeit ziemlich hoch. Die Experten müssen es wissen: Schließlich beraten sie die wichtigsten Verbraucherstaaten in Energiefragen.
Das amerikanische "Barrel" ist das Standardmaß im Ölgeschäft und die weltweit gebräuchliche Volumeneinheit für Rohöl. In das alte Standardfass passen knapp 159 Liter (moderne Ölfässer aus Blech fassen mehr).
Ein Barrel entspricht also einer Menge von etwa 159 Milchtüten.
Oder dem Inhalt von 159 Wiesn-Maßkrügen.
Die Weltnachfrage nach Rohöl beträgt Milliarden von Litern, Milchtüten oder Maßkrügen.
Milliarden von Litern? Schwer vorstellbar. Wie viel ist das? Ein ungewöhnliches Gedankenspiel veranschaulicht die Verhältnisse: ...
... Der Bodensee (hier bei Lindau) gilt als der größte See Deutschlands. Die in ihm enthaltene Wassermenge wird auf ein durchschnittliches Volumen von etwa 48 Kubikkilometer geschätzt. Das sind rund 48.000 Billionen Liter Wasser.
Angenommen, der Bodensee wäre statt Wasser bis zum Rand angefüllt mit Öl, und weiter angenommen, es lägen dort zwischen Konstanz, Friedrichshafen und Bregenz tatsächlich sämtliche Öl-Reserven der Welt, dann ...
... würde dieser Vorrat nur ein paar Jahre reichen. Ein Wirtschaftsaufschwung - egal ob in den USA oder in den Schwellenländern - würde diese Spanne entsprechend verkürzen.
Der Durst ist also groß. Zum Glück sind die Rohölvorkommen in Wirklichkeit rund um den Globus verteilt. Und nach Angaben der Förderstaaten schlummert allein in den bislang bekannten Lagerstätten noch weitaus mehr Öl als in den Bodensee passt. Doch wohin fließt der teure Rohstoff?
Für Deutschland liegen recht genau Daten vor: Etwa 37 Prozent des deutschen Gesamtenergieverbrauchs gehen in den Bedarf nach "mechanischer Energie".
Moment, was ist "mechanische Energie"?
Die Forscher der Arbeitsgemeinschaft Energiebilanzen (Ageb) verstehen darunter zum Beispiel den Energiebedarf für Fließbänder, Kreissägen und andere Produktionsanlagen, zusammen mit ...
... den Antrieben von Schiffen, Lkws, Flugzeugen, Mopeds, Transportern ...
... sowie den Spritverbrauch fast aller deutschen Autos.
Abgesehen von der Bewegung: Der große Rest des deutschen Energiebedarfs geht für Wärme, Kälte, Licht und Elektronik drauf: Das Heizen von Räumen schlägt nach Ageb-Angaben mit 30 Prozent im Gesamtenergieverbrauch zu Buche.
5 Prozent der Energie braucht es für Warmwasser, 2 Prozent für Klimageräte und Kühlanlagen ...
... sowie 21 Prozent für "sonstige Prozesswärme", also zum Beispiel Backöfen, Trockenhauben und die Hochöfen der Metallindustrie.
Für die Beleuchtung von Straßen, Hallen, Wohnungen und Büros wenden die Deutschen rund 3 Prozent ihres gesamten Energieverbrauchs auf.
Die übrigen 2 Prozent fließen in den Bereich Informations- und Kommunikationstechnik, also den Betrieb von Computern, Mobilfunk, Festnetz-Telefonie, Server-Zentren, Radio, Fernsehen und Internet.
Erdöl und Mineralölprodukte decken in Deutschland ein gutes Drittel des gesamten Energieverbrauchs ab.
Verbraucht wird Rohöl in Deutschland vor allem für …
... Transport, ...
… Wärmeerzeugung …
… und natürlich die Weiterverarbeitung in der chemischen Industrie zu Plastik, Schaumstoffen und anderen Produkten auf Erdölbasis.
Ein Teil des Erdöls wird eingelagert, ein Teil in Raffinerien aufbereitet zu Schweröl, Diesel, Bitumen oder Benzin.
Ein großer Teil der aus Erdöl gewonnenen Treibstoffe wird schlicht verbrannt. Die Abgase strömen anschließend durch Auspuffrohre, Kamine und Fabrikschlote in die Atmosphäre.
Weil kaum noch Maschinen mit Kohle laufen und zudem der Anteil der elektrisch betriebenen Pkw noch sehr niedrig ist, tragen Benzin, Kerosin und Diesel in Sachen "mechanische Energie" die Hauptlast.
Und genau hier entsteht das Problem: Hierzulande und in der Nordsee gibt es den Rohstoff Erdöl nur in wenigen ergiebigen Vorkommen. Den überwiegenden Teil ihres Bedarfs müssen die Deutschen aus dem Ausland importieren.
Die starke deutsche Nachfrage ist für die Förderstaaten und die dort tätigen Ölkonzerne ein steter Quell der Freude. Immerhin ist Deutschland die viertgrößte Volkswirtschaft der Welt.
Multis wie ExxonMobil, Shell, Statoil und selbst die britische BP erzielen exorbitante Traumgewinne. Ein guter Teil davon stammt aus deutschen Heiz- und Tankrechnungen.
Je höher der Ölpreis, so scheint es, desto besser für die Konzerne. Die marktführende Sorte US-Leichtöl West Texas Intermediate (WTI) pendelte im Jahr 2011 trotz Wirtschaftskrise Monate lang um einen Preis von 90 Dollar je Fass. Von einer Konjunkturflaute ist am Ölmarkt wenig zu spüren.
Rohöl (WTI)
Nordseeöl der Sorte Brent hieltt sich von Frühjahr bis Herbst 2011 stabil über der Marke von 100 Dollar - und das, obwohl sich Aktienmärkte und Verbraucher zum Teil in schweren Krisenängsten winden.
Rohöl (Brent)
Im Sommer 2011 lagenn die Preise für Erdgas und Erdöl im Durchschnitt bis zu 30 Prozent über dem Vorjahresniveau.
Wer eine Ölheizung hat, weiß, wie stark eine solche Entwicklung in der Haushaltskasse zu Buche schlagen kann: In den vergangenen Jahren hat sich Energie insgesamt spürbar verteuert. Der Ölpreisanstieg gilt als wichtigster Faktor für Preisauftrieb und Inflation.
Die gesamte Ölbranche hat Oberwasser: Der größte börsennotierte Ölkonzern der Welt kommt im Sommer 2011 auf einen Gewinnsprung von satten 41 Prozent.
Das Logo an der Tankstelle verrät, wer von den steigenden Ölpreisen profitiert. ExxonMobil etwa.
Einem Unternehmen wie Exxon gelingt es etwa in nur zwölf Wochen 10,3 Mrd. Dollar, netto zu verdienen, wie in einem Quartal im Jahr 2011: Umgerechnet sind das 7,3 Mrd. Euro. Und das in nur zwölf Wochen.
Schon wieder so eine unvorstellbar große Zahl: 7.300.000.000 Euro? Wie viel Geld ist das? Die Summe verleitet zu einem zweiten Gedankenspiel. Von diesem Quartalsgewinn könnte ExxonMobil rein theoretisch ...
... jedem einzelnen Menschen auf dieser Erde - egal ob alt oder jung, arm oder reich - einen ganzen Euro abgeben. Und selbst dann hätte der mächtige US-Konzern noch reichlich zum Ausgeben, Verjubeln oder Sparen übrig, nämlich rund 300 Mio. Euro.
Eine solche Geste wäre in der Welt eines gewinnorientierten Unternehmens selbstverständlich vollkommen ausgeschlossen, komplett utopisch und eigentlich total undenkbar. Wirklich unvorstellbar ist der Gedanke allerdings nicht.
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