Wer steht wie tief in der Kreide?: Vereinigte Schulden von Europa
Mit einer gemeinsamen Währung greift Europa nach den Sternen.
Mit einer gemeinsamen Währung greift Europa nach den Sternen.
Der Euro soll die wirtschaftliche Integration seiner Mitgliedsstaaten krönen und damit gleichsam den europäischen Binnenmarkt auf eine neue Ebene heben.
Auf längere Sicht soll er auch dem Dollar als Leitwährung Paroli bieten und so die Position Europas stärken.
Eine gemeinsame Währung ist jedoch nur wert, was sie an Stabilität und Kaufkraft verbürgt - und zwar für seine Bürger innerhalb des Währungsgebietes ebenso ...
... wie außerhalb am Devisenmarkt im Kräftemessen mit den übrigen großen Währungen der Welt.
Klare Schuldengrenzen sollen daher verhindern, dass überbordende Defizite die Stabilität der Währungsunion gefährdet.
Nach den Spielregeln darf die jährliche Neuverschuldung eines Euro-Landes nicht die Grenze von drei Prozent des Bruttoinlandsproduktes überschreiten.
Auch die gesamten Schulden eines Euro-Staates dürfen nicht in den Himmel wachsen, sondern sind auf 60 Prozent der Wirtschaftsleistung begrenzt.
Soweit die Theorie.
Tatsächlich sind die Schulden über viele Jahre in weiten Teilen der Eurozone aus dem Ruder gelaufen und haben damit den Blick auf Europa und den Euro geprägt.
Obwohl alle Staaten die Fahne der Haushaltskonsolidierung hochhalten, erreicht nur eine Handvoll der mittlerweile 17 Euro-Staaten die selbst auferlegten Konvergenzkriterien. Das zeigen die Verschuldungsdaten der europäischen Statistikbehörde Eurostat für 2010.
Das Vorzeigeland der Stunde ist demnach ESTLAND, das Anfang 2011 den Euro eingeführt hat.
Die gesamten öffentlichen Schulden des nördlichsten der drei Baltenstaaten liegen bei gerade einmal 6,6 Prozent des Bruttoinlandsproduktes, mit Abstand ein Niedrigrekord unter den Euro-Staaten.
Als einziges Euro-Land kann es seine ohnehin geringe Verschuldung 2010 mit einem Haushaltsüberschuss von 0,1 Prozent des Bruttoinlandsprodukts sogar leicht senken.
Pro Kopf sind die etwa 1,3 Millionen Esten mit gerade einmal rund 700 Euro verschuldet.
Ob es für Estland so problemlos weitergeht, steht allerdings in den Sternen. Die Inflation des Landes stieg jüngst mit über 5 Prozent stärker an als in allen übrigen Staaten der Währungsunion.
Die zweitniedrigste Verschuldung weist das Großherzogtum LUXEMBURG aus. Das EU-Mitglied der ersten Stunde ist mit 7,6 Mrd. Euro verschuldet. Bezogen auf seine Wirtschaftsleistung ist das ein Defizit von 18,4 Prozent, womit es auf dem 16. Platz landet.
Die übersichtliche Zahl von gerade einmal knapp 480.000 Einwohnern lässt den Schuldenstand pro Kopf hingegen mit rund 16.000 Euro deutlich bedrohlicher aussehen als im Musterländle.
Auf dem 15. Platz der europäischen Schuldensünder steht SLOWENIEN. Das Land ist mit 38,0 Prozent seiner Wirtschaftsleistung verschuldet und liegt damit noch deutlich unter der Höchstmarke.
Anders sieht es bei der Neuverschuldung aus: Mit einem Haushaltsdefizit von 5,6 Prozent des Bruttoinlandsproduktes fällt der Zuwachs der Schulden fast doppelt so hoch aus wie nach EU-Regeln erlaubt.
Auf jeden der rund 2 Millionen Slowenen kommt damit eine Verschuldung von rund 6800 Euro.
Doppelt so hohe Schulden, aber auch ein beinahe doppelt so großes Bruttoinlandsprodukt weist die SLOWAKEI aus. Mit einer Schuldenquote von 41 Prozent liegt das ehemalige Ostblock-Land auf dem 14. Rang.
Seit 2009 zahlen die Slowaken offiziell in Euro. Die Neuverschuldung legt 2010 mit mehr als 5 Mrd. Euro deutlich zu, das sind 7,9 Prozent des Bruttoinlandsproduktes.
Bei der Pro-Kopf-Verschuldung steht die Slowakei hingegen gut da: Dank einer beinahe 5,4 Millionen starken Bevölkerung kommen auf jeden Bewohner lediglich rund 5000 Euro Schulden - weniger weist nur das jüngste Mitglied Estland aus.
FINNLAND ist wie Deutschland und zehn weitere Nationen Euro-Mitglied seit 1999.
Mit einer Gesamtverschuldung von 48,4 Prozent des Bruttoinlandsproduktes ist Finnland auf dem 13. Platz das letzte Land, das dieses Schuldenkriterium der Eurozone erfüllt.
Auch bei der Neuverschuldung liegen die Finnen mit 2,5 Prozent des Bruttoinlandsproduktes voll im Rahmen der Maastricht-Regeln.
Pro Kopf stehen die rund 5,3 Millionen Finninnen und Finnen mit rund 16.500 Euro in der Kreide.
Gemessen an der Aufmerksamkeit, die SPANIEN im Zuge der Schuldenkrise geschenkt wird, steht das Land vergleichsweise gut da. Mit 60,1 Prozent Gesamtverschuldung zur Wirtschaftsleistung reißt Spanien die Regel um ein Haar.
Verständlicher werden die Sorgen beim Blick auf die Neuverschuldung von 9,2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts.
Der Staat auf der iberischen Halbinsel trägt mit einem BIP von 1062 Mrd. Euro den Titel der viertstärksten Wirtschaftsmacht der Euro-Zone.
Auch gemessen an der Bevölkerung ist Spanien Europas viertgrößtes Land. Pro Kopf kommen auf einen Spanier knapp 14.200 Euro Schulden.
Um ein Vielfaches kleiner ist die Republik ZYPERN. Mit rund 10 Milliarden Euro Schulden ist der südliche Teil des Inselstaates verschuldet, gemessen an der Wirtschaftsleistung sind das 60,8 Prozent. Damit belegt Zypern Platz 11 im Ranking der höchsten Staatsschulden.
Jeder der rund 760.000 Zyprioten trägt statistisch gesehen eine Schuldenlast von knapp 13.900 Euro. Die Neuverschuldung liegt bei 5,3 Prozent des Bruttoinlandsproduktes.
Platz 10: Die NIEDERLANDE sind mit 62,7 Prozent ihrer Wirtschaftskraft verschuldet - in barer Münze sind das 371 Mrd. Euro. Auf jeden Niederländer kommen damit rund 22.500 Euro Miese.
Auch die Niederlande plagt eine hohe Neuverschuldung von 5,4 Prozent.
Platz 9: MALTA. Das kleine Land ist erst seit 2004 Mitglied der Europäischen Union und seit 2008 auch Teil der Eurozone.
Der Inselstaat im Mittelmeer zwischen Italien und Libyen zählt rund 400.000 Einwohner. Das Bruttoinlandsprodukt liegt bei 6,2 Mrd. Euro. Die Verschuldung von 4,2 Mrd. Euro führt zu einer Quote von 68,0 Prozent.
Die Neuverschuldung liegt mit 3,6 Prozent verglichen mit anderen Euro-Staaten vergleichsweise niedrig - das Defizitkriterium reißt sie trotzdem.
Den achtgrößten Schuldenberg der Euro-Staaten drückt ÖSTERREICH. 205 Mrd. Euro Miese stehen einer Wirtschaftskraft von 284 Mrd. Euro gegenüber - mit anderen Worten: 72,3 Prozent Defizitquote.
Die gut 8,3 Millionen Einwohner der Alpenrepublik erwirtschaften ein BIP von 284 Mrd. Euro. Pro Kopf lasten auf einem Österreicher damit 24.675 Euro Schulden.
Die Neuverschuldung liegt mit 4,6 Prozent Defizitquote noch unter dem Durchschnitt der Euro-Staaten.
Platz 7: FRANKREICH mit einer Schuldenquote von 81,7 Prozent am Bruttoinlandsprodukt. Die zweitgrößte Volkswirtschaft der Eurozone sitzt auf einem Schuldenberg von knapp 1,6 Billionen Euro.
Kein anderer Euro-Staat macht in absoluten Zahlen so viele neue Schulden: 136 Mrd. Euro. Das Haushaltsdefizit liegt damit bei 7,0 Prozent.
Auf einen Franzosen kommt eine Schuldensumme von 25.100 Euro.
Noch stärker als die französischen Nachbarn steht DEUTSCHLAND in der Kreide: Mehr als 2 Billionen Euro Schulden warten darauf, abgetragen zu werden. Mit einem Anteil am Bruttoinlandsprodukt von 83,2 Prozent liegt Deutschland auf dem sechsten Rang.
Die Neuverschuldung fällt mit 3,3 Prozent am Bruttoinlandsprodukt jedoch bedeutend niedriger aus als in Frankreich. Beinahe hätte es sogar gereicht, um die Brüsseler Vorgaben einzuhalten.
Mit einer Pro-Kopf-Verschuldung von knapp 25.300 liegt Deutschland in etwa auf einer Höhe mit Frankreich.
Platz 5: BELGIEN. Die Verschuldung liegt mit 89,1 Prozent des Bruttoinlandsproduktes rund anderthalbmal so hoch wie zulässig.
314 Mrd. Euro Miese stehen in den Büchern - pro Kopf sind das annähernd 30.000 Euro. Auch damit zählt Belgien zu den am höchsten verschuldeten Euro-Staaten.
Die Neuverschuldung bleibt mit 4,1 Prozent hingegen vergleichsweise moderat, wenn auch über dem zulässigen Wert von 3,0 Prozent.
Platz 4: PORTUGAL. Das westlichste Land Europas ist mit rund 160 Mrd. Euro verschuldet. Mit 172 Mrd. Euro ist die jährliche Wirtschaftsleistung des Landes jedoch nicht wesentlich größer. Daher belegt Portugal mit 93,0 Prozent Schuldenanteil den vierthöchsten Rang.
Jeden Einwohner Portugals belastet die Staatsverschuldung mit rechnerisch rund 15.000 Euro. Das ist deutlich weniger als in vielen anderen Ländern, allerdings erwirtschaften die Portugiesen auch pro Kopf weniger als manch anderer europäische Staat.
Im Frühjahr 2011 flüchtet sich Portugal deshalb auch unter den Euro-Rettungsschirm.
Mit einer Neuverschuldung von 9,1 Prozent im Jahr 2010 gehört Portugal zu den Euro-Staaten mit überdurchschnittlichem Schuldenwachstum durch frische Ausgaben.
Platz 3: Die dritthöchsten Schulden in der Eurozone muss IRLAND schultern. Der Schuldenberg liegt mit 96,2 Prozent quasi so hoch wie die Wirtschaftskraft des Landes.
Die Bankenkrise bescherte der einstigen Boom-Insel eine dramatisch steigende Verschuldung. Allein 2010 musste die Regierung in Dublin mit 32,4 Prozent fast ein Drittel so viel neue Schulden machen, wie das Land innerhalb eines Jahres erwirtschaftet.
Jeder Ire ist statistisch gesehen mit fast 35.000 Euro öffentlichen Schulden belastet - so viel wie in keinem anderen Euro-Land.
Als erster Euro-Staat wird Irland finanziell vom Rettungsschirm aufgefangen.
Platz 2: Noch tiefer im Schuldensumpf steckt ITALIEN. Mehr als 1,8 Billionen Euro Außenstände gehen auf das Konto des Berlusconi-Landes.
In Prozent ausgedrückt sind das 119,0 Prozent des italienischen Bruttoinlandsproduktes, rund doppelt so viel wie nach strenger EU-Lehre zulässig.
Ein kleiner Trost: Mit 4,6 Prozent Neuverschuldung 2010 liegt Italien im unteren Mittelfeld.
Pro Kopf müssen die Italiener jedoch mit rechnerisch je rund 31.200 Euro für die Außenstände geradestehen.
Platz 1: GRIECHENLAND. Die Hoffnung auf ein gutes Ende der griechischen Tragödie ist bislang unerfüllt geblieben. Mit 142,8 Prozent des Bruttoinlandsprodukts steht Griechenland in der Kreide - mehr als jedes andere Euro-Land, Tendenz steigend.
Im April 2010 muss Premier Papandreou den fiskalpolitischen Offenbarungseid leisten und EU und IWF um Finanzhilfen bitten.
Harte Sparbemühungen treiben in der Folge die Griechen in Scharen auf die Straße und stellen das Land vor eine politische und soziale Zerreißprobe.
Eine schwere Rezession untergräbt die Bemühungen, das Land finanziell wieder auf ein solideres Fundament zu stellen. Die Neuverschuldung liegt bei 10,5 Prozent.
Die Renditen griechischer Staatsanleihen steigen auf immer unerreichbarere Niveaus. Der Markt rechnet mit einem Schuldenschnitt und schafft damit auch Fakten.
(Text: Nikolas Neuhaus / Quelle: Eurostat. Alle Angaben beziehen sich - soweit nicht anders angegeben - auf das Vergleichsjahr 2010.)