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Feierliche Zeremonie in Greifswald: Ostseepipeline geht in Betrieb

 
Feierliche Zeremonie in Greifswald: Ostseepipeline geht in Betrieb

Großer Tag für Nord Stream: Die Ostsee-Pipeline zwischen Deutschland und Russland wird in Lubmin bei Greifswald in Betrieb genommen.

Zu diesem feierlichen Ereignis reist der russische Präsident Dmitri Medwedew an.

Die Eröffnung der 1224 Kilometer langen Ostseepipeline bildet den Höhepunkt seines offiziellen Besuchs in Deutschland.

Zusammen mit Bundeskanzlerin Angela Merkel dreht Medwedew in einem symbolischen Akt den Gashahn für den ersten Strang der Pipeline auf.

Merkel und Medwedew stellen beide die Chancen der Partnerschaft zwischen Russland und der EU heraus.

Die Pipeline sei "das größte Energieinfrastrukturprojekt unserer Zeit" und beispielhaft für die Kooperation zwischen Russland und der EU, freut sich die Bundeskanzlerin.

"Die Gasmoleküle werden sich anständig bewegen, dafür ist Vorsorge getroffen worden", so die Physikerin Merkel.

Dieser Ansicht sind offensichtlich auch die anderen Gäste des Festakts, wie der französische Ministerpräsident François Fillon (links außen) oder EU-Energiekommissar Günther Oettinger (rechts außen).

Und natürlich darf er nicht fehlen: Altbundeskanzler Gerhard Schröder hatte zusammen mit dem damaligen russischen Präsidenten Wladimir Putin das Projekt auf den Weg gebracht.

Rund 500 Polizisten sichern seit Tagen den Anlandepunkt der Pipeline in Lubmin, wo für die Veranstaltung ein provisorischer Hubschrauberlandeplatz eingerichtet und ein riesiges weißes Zelt aufgebaut wurde.

Mit seiner 15 Meter hohen Kuppel aus fünf Gewölben soll das Zelt an das Erdgasmolekül CH4 (Methan) erinnern.

Russland hofft angesichts des Atomausstiegs der Bundesrepublik darauf, künftig noch mehr Gas nach Deutschland zu verkaufen.

Als nach eigenen Angaben größter Gasexporteur der Welt lieferte Russland 2010 etwa 39 Milliarden Kubikmeter Gas nach Deutschland.

Kein anderes Land der Welt bezieht demnach so viel Gas aus Russland. Die hohe Abhängigkeit ist umstritten.

Dennoch wird das Projekt Nord Stream mit großem Interesse verfolgt.

Anfang September hatte der russische Regierungschef Wladimir Putin in Wyborg in der Nähe der finnischen Grenze selbst den Startknopf für die Pipeline gedrückt.

Dieses Ereignis ließ sich Altkanzler Schröder als Chef des Aktionärsausschusses bei der Nord Stream AG nicht entgegen.

Die 1224 Kilometer lange Leitung wurde zuerst mit "technischem Gas" vollgepumpt, um Druck aufzubauen.

Mit der Inbetriebnahme in Deutschland sollen nun endlich europäische Verbraucher Gas durch die Nord Stream-Pipeline erhalten. Dabei geht es vorerst nur um den ersten Leitungsstrang.

Ende August war am deutschen Anlandepunkt in Lubmin der erste Strang der Ostseepipeline mit der Festlandleitung Opal verschweißt worden.

Die Befüllung der Pipeline mit Erdgas ist ein technisch aufwendiges Verfahren: Mit dem von Russland aus eingeleiteten Erdgas wurde zunächst der Stickstoff, der als Sicherheitspuffer diente, auf deutscher Seite aus der Leitung gedrückt.

Dass die Leitung zwischen Wyborg und Lubmin mit Stickstoff gefüllt war, hatte nach Angaben von Nord Stream einen guten Grund:

Stickstoff verdrängt Sauerstoff, der die Innenwand der Röhre angreifen und beim Pumpen von Methangas ein explosives Gemisch bilden kann.

Mit dem Auffüllen weiteren Gases - insgesamt 100 Millionen Kubikmeter - wird dann Schritt für Schritt der Basisdruck in der Leitung auf 75 Bar erhöht.

Wird dann nach der Inbetriebnahme Erdgas eingefüllt, kann die gleiche Menge auf deutscher Seite entnommen werden.

Das Gas des russischen Energieriesen Gazprom, das später über die Trasse in das westeuropäische Erdgasnetz eingespeist wird, stammt aus dem Feld Juschno-Russkoje, das als eines der weltweit größten Lagerstätten gilt.

Dieses Gebiet in der Region Tjumen verfügt Nord Stream-Angaben zufolge über Gasreserven von mehr als einer Billion Kubikmeter, darunter mehr als 700 Milliarden Kubikmeter nachgewiesene Reserven.

Vom zweiten Pipelinestrang liegen bereits rund 640 Kilometer auf dem Meeresboden der Ostsee. Er soll 2012 in Betrieb gehen.

Die Kapazität beider Leitungsstränge beträgt 55 Milliarden Kubikmeter Gas pro Jahr. Damit könnten rechnerisch 26 Millionen Haushalte mit Gas versorgt werden.

Putin hatte unlängst einen möglichen dritten Strang ins Gespräch gebracht, um den wachsenden Energiehunger in der EU zu befriedigen.

Russland will über die Leitung Gas direkt nach Deutschland pumpen und damit auch andere europäische Staaten versorgen.

Von Deutschland aus könnte das Gas unter anderem nach Dänemark, die Niederlande, Belgien, Großbritannien und Frankreich strömen.

Gazprom hat nach Angaben des Konsortiums inzwischen Gaslieferverträge über rund 23 Milliarden Kubikmeter mit den Energieunternehmen Dong Energy (Dänemark), Eon Ruhrgas, Wingas, GDF Suez (Frankreich) sowie der britischen Gazprom abgeschlossen.

Das privat finanzierte Projekt mit einem Budget von 7,4 Milliarden Euro ist auf eine Betriebsdauer von mindestens 50 Jahren ausgelegt. (Auf dem Bild: Gazprom-Chef Alexej Miller und Wladimir Putin)

Mehrheitseigner im Ostsee-Pipeline-Betreiberkonsortium Nord Stream ist der russische Gasriese Gazprom mit 51 Prozent.

Weitere Anteile halten die deutschen Firmen Eon Ruhrgas und die BASF-Tochter Wintershall, der französische Energiekonzern GDF Suez und das niederländische Unternehmen Gasunie.

Aus russischer Sicht ist Nord Stream auch eine zusätzliche Sicherheit, um die Ukraine als bisher wichtigstes Transitland für Gaslieferungen in die EU bei möglichen Problemen zu umgehen.

"Wir befreien uns Schritt für Schritt vom Diktat der Transitstaaten", sagte Putin mit Blick auf die heftigen Streite etwa mit der Ukraine über die Durchleitung russischen Gases nach Europa.

In den Transitstaaten stößt das Projekt naturgemäß auf wenig Gegenliebe. Die Baltenstaaten und Polen fürchten, Russland könne ihnen den Gashahn leichter abdrehen, wenn das Gas für Westeuropa nicht mehr durch die gleichen Leitungen fließt.

Außerdem entgehen Polen die Transiteinnahmen, die das Land bisher für die Durchleitung kassiert.

Polen reagierte ausgesprochen emotional auf das Projekt. Im Mai 2006 verglich der damalige Verteidigungsminister Sikorski den geplanten Bau mit dem Hitler-Stalin-Pakt, da Polen außen vor bleibe.

Auch für die Ukraine, bisher wichtigstes Transitland bedeutet die Pipeline eine Umstellung. Das Land bleibt zwar ein wichtiger Transportweg. Doch ist der Ruf des Landes als Transitstrecke schwer angekratzt.

Der alljährliche Streit um Lieferpreise zwischen Russland und der Ukraine, der immer wieder dazu führt, das Moskau Kiew den Gashahn zudreht und Tausende Menschen im Kalten bleiben, soll die Gasversorgung in Europa nicht mehr beeinträchtigen.

Parallel zur Ostsee-Pipeline Nord Stream entsteht – ebenfalls unter der Federführung von Gazprom – das Gasprojekt South Stream zur Versorgung Südeuropas.

Mit dieser "Gaszange" hilft Gazprom seinem Mehrheitseigner, der russischen Regierung, dabei, das unbeliebte EU-Vorhaben "Nabucco" zu behindern.

Mit der geplanten Nabucco-Leitung vom Kaspischen Meer will die EU unabhängiger vom russischen Gas werden. Durch die Gaspipeline, deren Bau noch nicht gesichert ist, soll ab 2017 Gas aus dem Kaspischen Raum nach Europa strömen.

Das Projekt, an dem neben der österreichischen OMV auch der deutsche Energieriese RWE beteiligt ist, ist Moskau ein Dorn im Auge.

Entsprechend wurde beim jüngst geschlossenen Bündnis zwischen Gazprom und RWE über den gemeinsamen Bau von neuen Gaskraftwerken und einer Beteiligung am Gas- und Steinkohlekraftwerkspark in Westeuropa das "heikle Thema Nabucco" vorerst ausgespart.

RWE will jedoch ungeachtet der geplanten Zusammenarbeit mit Gazprom die Pläne zum Bau der Nabucco-Gaspipeline weiter vorantreiben.

Den ehemaligen Außenminister Joschka Fischer, der die Konsortiumsmitglieder RWE und OMV berät, wird das freuen.

In der Bundesregierung herrscht dagegen mittlerweile die Meinung vor, dass es zum Gaslieferanten Russland kaum eine Alternative gibt – auch wenn Kanzlerin Merkel auf ihren Reisen in Nigeria und Angola eifrig nach anderen Lösungen gesucht hat.

Für Wladimir Putin ist ohnehin eindeutig, wer das Rennen um die Gasversorgung Europas gewonnen hat: "All die alternativen Vorhaben? Wo sind sie denn? Alle nur auf dem Papier." (sla/dpa/rts)

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