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Die Hüter der Tresore: Europas Großbanken

 
Die Hüter der Tresore: Europas Großbanken

Wie sicher sind Europas Banken? Wo stehen die Geldhäuser nach der Krise? Können Sie ihre zentralen Aufgaben im Wirtschaftssystem auch in Zukunft noch zuverlässig erfüllen?

Um glaubwürdige Antworten auf diese Fragen zu finden, haben sich die Staats- und Regierungschefs der Europäischen Union Mitte Juni 2010 darauf geeinigt, diese Fragen nach dem Vorbild der US-Amerikaner in einer Art Belastungsprobe durchrechnen zu lassen.

Der sogenannte Stresstest im europäischen Bankensektor prüft die Auswirkungen verschiedener Szenarien auf die Kapitalausstattung der europäischen Institute. Ende Juli wartet halb Europa auf den Höhepunkt des Tests.

Die Aufregung im Vorfeld ist groß, doch die Ergebnisse überraschen kaum: Nur sieben der 91 getesteten Häuser halten den Kriterien des Tests unter Härtebedingungen nicht stand.

Am Markt kehrt nach der Veröffentlichung Ruhe ein. Die Bankanalysten wissen: Schon bald liegen die Geschäftszahlen zum ersten Halbjahr auf dem Tisch. Und dann sprechen die Ergebnisse.

Im Gegensatz zum Stresstests sind die Kriterien hier kompromisslos, vergleichbar und unstrittig: Eine Zwischenbilanz deckt mehr auf als hypothetische Rechenspiele.

Ein Haus aus Deutschland macht den Anfang. Die im MDax notierte Aareal Bank kümmert sich vor allem um die Immobilienfinanzierung. Für den EU-weiten Stresstest ist die Immobilienbank zu klein. Die Wiesbadener Spezialbank zählt nicht zu den 14 getesteten deutschen Instituten.

Dafür gehört die Aareal Bank zu der exklusiven Runde, die sich wegen der Krise unter die Rockschöße des staatlichen Rettungsfonds Soffin flüchten musste. Insgesamt hat die Bank eine staatliche Kapitalspritze von 525 Mio. Euro bekommen.

Nach dem ersten Halbjahr verbucht das Haus einen Gewinn von 17 Mio. Euro. Einen Teil der stillen Staatseinlage hat die Bank im Juli bereits zurückgezahlt. Die - freilich ungestresste - Kernkapitalquote liegt danach eigenen Angaben zufolge bei 10,2 Prozent.

Aareal Bank (ISIN DE0005408116)

In Großbritannien ist die Financial Services Authority (FSA) für die Bankenaufsicht zuständig. Für die britische Großbank Barclays berechnen die Aufseher eine Kernkapitalquote von 13,9 Prozent - und das unter Stressbedingungen.

Das lässt kaum Raum für Zweifel: Der zweitgrößten Bank des Landes geht es im Vergleich zu anderen Testteilnehmern sehr gut. Ohnehin kam Barclays ohne Staatshilfe durch die Krise. Im ersten Halbjahr verdienen die Briten unterm Strich umgerechnet rund 2,9 Mrd. Euro.

Barclays (ISIN GB0031348658)

Die Banco Bilbao Vizcaya Argentaria (BBVA) besteht den Stresstest mit einer Kernkapitalquote von 9,6 Prozent. Im ersten Halbjahr muss die spanische Bank beim Nettogewinn einen Rückgang um 9,7 Prozent auf 2,53 Mrd. Euro hinnehmen.

BBVA (ISIN ES0113211835)

Die französische Großbank BNP Paribas schneidet im Stresstest mit einer Kernkapitalquote von 9,7 Prozent ab. Nach dem ersten Halbjahr liegt der Überschuss bei 4,4 Mrd. Euro - und damit weit über dem Niveau aus dem Vorjahr.

BNP Paribas (ISIN FR0000131104)

Auch der Commerzbank geht es offenbar deutlich besser: In den ersten sechs Monaten des Jahres fährt die zweitgrößte Bank Deutschlands einen Nettogewinn von 1,06 Mrd. Euro ein. Die Kernkapitalquote im Stresstest: 9,3 Prozent.

Commerzbank (ISIN DE0008032004)

Bei der Credit Agricole muss niemand Trübsal blasen: Im Test erweist sich das Kernkapital mit 9,2 Prozent als ausreichend krisenfest.

Dank eines soliden Privat- und Firmenkundengeschäfts erwirtschaftet die französische Großbank im ersten Halbjahr einen unerwartet hohen Gewinn von 849 Mio. Euro.

Credit Agricole (FR0000045072)

In der Schweiz hat man den EU-weiten Stresstest sehr, sehr aufmerksam verfolgt. Jetzt kann jedermann die Kraft der eigenen Häuser mit den europäischen Mitbewerbern vergleichen.

Die Züricher Großbank Credit Suisse zum Beispiel kommt ohne Stress auf eine Kernkapitalquote von 16,3 Prozent. Für das erste Halbjahr weisen die Schweizer einen Reingewinn von umgerechnet rund 2,7 Mrd. Euro aus.

Credit Suisse (ISIN CH0012138530)

In Frankfurt kann sich die Deutsche Bank zum Halbjahr über einen Gewinn von 2,9 Mrd. Euro nach Steuern freuen. Beim Stresstest kommt die größte Bank Deutschlands auch unter Belastung noch auf eine Kernkapitalquote von 10,3 Prozent.

Deutsche Bank (ISIN DE0005140008)

Das belgische Geldhaus Dexia vereint zwei sperrige Aufgabenfelder unter einem Dach: Das Geschäft mit Privatkunden und die Finanzierung der öffentlichen Hand.

Im Stressfall verfügt die Bank rein rechnerisch noch über eine Kernkapitalquote von 11,2 Prozent. So gut war in Deutschland nur die Landesbank Berlin.

Das erste Halbjahr endet in Belgien mit Gewinn: Dexia verdient 248 Mio. Euro.

Dexia (ISIN BE0003796134)

In der Zentrale der Erste Bank Group in Wien muss man im Stressfall mit einer Kernkapitalquote von 8,1 Prozent leben.

Erste-Chef Andreas Treichl will die in Anspruch genommene Staatshilfe von 1,2 Mrd. Euro im kommenden Jahr vollständig zurückzuzahlen. Im ersten Halbjahr kommt er mit seinem Haus auf einen Nettogewinn von 471,9 Mio. Euro.

Erste Bank Austria (ISIN AT0000652011)

Zufriedene Töne aus der Londoner City: "Wir haben die Stürme in den verschiedensten Regionen der Welt und in verschiedenen Geschäftsfeldern überstanden", stellt HSBC-Chef Michael Geoghegan nach dem ersten Halbjahr 2010 fest.

Sein Haus zählt zu den größten Finanzkonzernen weltweit. HSBC-Aktien sind gelistet an den Börsen in London, Hongkong, New York, Paris und bezeichnenderweise auch auf den Bermudas.

Die HSBC zählt neben Barclays, Lloyds und der Royal Bank of Scotland zu den vier britischen Banken, die am Test teilgenommen haben. Unter Stress beträgt die Kernkapitalquote bei der HSBC 10,4 Prozent.

In den ersten sechs Monaten des Jahres verbucht die Großbank für ihre Anteilseigner einen Reingewinn von umgerechnet rund 5,2 Mrd. Euro. Im Vergleich zum Vorjahreszeitraum entspricht das einem Plus von 102 Prozent.

HSBC (ISIN GB0005405286)

Nach der schwersten Krise in der Unternehmensgeschichte geht es auch dem niederländischen Finanzkonzern ING wieder besser. Das massiv vom Staat gestützte Institut verdient im ersten Halbjahr 2,4 Mrd. Euro.

Im Gegensatz zum Bankgeschäft schreibt ING in der Versicherungssparte weiter rote Zahlen. Das Institut muss sich auf Anweisung aus Brüssel von diesem Bereich trennen - im Gegenzug für die Genehmigung der staatlichen Milliardenhilfen in der Finanzkrise.

ING Groep (ISIN NL0000303600)

Seit 2006, dem Jahr der Fusion mit der Mailänder Großbank Intesa, ist es am Turiner Sitz der Sanpaolo-Bank ruhiger geworden. Unter Stress weist die Bank eine Kernkapitalquote von 8,8 Prozent aus.

Die größte italienische Privatkundenbank nimmt im ersten Halbjahr 1,69 Mrd. Euro ein - 6,4 Prozent mehr als im Vergleichszeitraum des Vorjahres.

Intesa Sanpaolo (ISIN IT0000072618)

In London kehrt die Lloyds Banking Group in die Gewinnzone zurück: In den sechs Monaten bis Ende Juni 2010 fällt ein Vorsteuergewinn in Höhe von 1,6 Mrd. Pfund (rund 1,93 Mrd. Euro) an.

Der Gewinn kommt für den staatlich gestützten Finanzkonzern gerade recht. In den beiden Schreckensjahren 2008 und 2009 hatte die Bank einen Vorsteuerverlust von kumuliert 13 Mrd. Pfund ausgewiesen.

Unter Stressbedingungen sinkt die Kernkapitalquote bei Lloyds rein rechnerisch auf 9,4 Prozent ab - den EU-Test hat Lloyds damit locker bestanden.

Lloyds (ISIN GB0008706128)

Natixis, das Spitzeninstitut der französischen Volksbanken und Sparkassen, meldet für das erste Halbjahr ein Vorsteuerergebnis von 1,09 Mrd. Euro. Die Kernkapitalquote liegt ungestresst bei 8,1 Prozent.

Der Stresstest erfasst Natixis nämlich nur als Teil des neu gebildeten Finanzschwergewichts Banques Populaire und Caisses d'Epargne (BPCE). Die gesamte Gruppe besteht im Stressszenario mit einer Quote von 8,7 Prozent.

Natixis (ISIN FR0000120685)

Die schwedische Großbank Nordea schneidet mit beachtlichen 10,2 Prozent ab.

Zahlen zum ersten Halbjahr haben die Schweden bereits im Juli vorgelegt: Der operative Gewinn beläuft sich demnach auf 1,6 Mrd. Euro.

Nordea (ISIN SE0000427361)

Von schwedischen Ergebnissen kann das Management der Deutschen Postbank nur träumen: Die größte deutsche Privatkundenbank schreibt im ersten Halbjahr 2010 immerhin wieder schwarze Zahlen.

Postbank-Chef Stefan Jütte kann Anfang August einen Vorsteuergewinn von 225 Mio und einen Überschuss von 153 Mio. Euro präsentieren. Den Stresstest besteht sein Haus nur knapp mit einer Quote von 6,7 Prozent.

Postbank (ISIN DE0008001009)

Nach dem zweiten Halbjahr 2010 lugt auch die verstaatlichte britische Großbank Royal Bank of Scotland (RBS) wieder in die schwarzen Zahlen - zum ersten Mal seit Krisenbeginn.

Nach 248 Mio. Pfund Miesen im ersten Quartal verdient die Bank von April bis Juni 257 Mio. Pfund (rund 309 Mio. Euro). Der operative Vorsteuergewinn im ersten Halbjahr: umgerechnet rund 1,4 Mrd. Euro. Die Quote im Stresstest: 11,7 Prozent.

RBS (ISIN GB0007547838)

Die Schwäche auf dem Heimatmarkt kann die spanische Großbank Santander im ersten Halbjahr 2010 durch ein starkes Auslandsgeschäft abfedern.

Gemessen am Börsenwert gilt Santander als größte Bank der Eurozone. Der Vorsteuergewinn liegt im ersten Halbjahr bei 6,3 Mrd. Euro. Den Stresstest übersteht das Haus mit einer Quote von 10,2 Prozent.

Santander (ISIN ES0113900J37)

Die schwedische Großbank SEB häuft im ersten Halbjahr einen Reingewinn von 2,693 Mrd. Kronen an - umgerechnet rund 285 Mio. Euro. Aus dem Stressszenario des EU-Tests geht die SEB mit einer Kernkapitalquote von 10,7 Prozent hervor.

Die SEB erscheint damit - in dieser Hinsicht - robuster als die Deutsche Bank. Ihr deutsches Privatkundengeschäft mit 173 Fillialen haben die Schweden im Juli an Santander verkauft.

SEB (ISIN SE0000148884)

Ähnlich stark wirkt die Konkurrenz aus Frankreich: Für die Societe Generale berechnen die Stresstester eine Quote von 10,2 Prozent.

Nach dem ersten Halbjahr steht in der Zentrale im Pariser Finanzviertel La Defense ein Nettogewinn von 2,15 Mrd. Euro zu Buche.

SocGen (ISIN FR0000130809)

Im Schatten des EU-Stresstests legt die Schweizer Großbank UBS ihren dritten Quartalsgewinn in Folge vor. Die gut zwei Milliarden Franken aus dem zweiten Quartal summieren sich mit den Zahlen vom Jahresanfang auf einen Reingewinn von 4,2 Mrd. Franken (rund 3,15 Mrd. Euro).

Während um ihn herum alle Welt auf Herz und Nieren geprüft wird, vertraut sich UBS-Chef Oswald Grübel auf eine ungestresste Kernkapitalquote von 16,4 Prozent.

UBS (ISIN CH0024899483)

Die italienische Großbank Unicredit schließt die EU-weite Belastungsprobe mit einer Kernkapitalquote von 8,1 Prozent ab - und tritt damit etwas besser auf als die deutsche Helaba und etwas schlechter als die LBBW.

Da könnte sich Unicredit-Vorstand Sergio Ermotti in seinem Büro in Mailänder Zentrale eigentlich etwas entspannen. Doch die Börsen sind mit dem Halbjahresergebnis von netto 669 Mio. Euro nicht zufrieden.

Vor allem im zweiten Quartal drücken die Risikovorsorge und der schwache Handel auf das Ergebnis. Italiens größtes Geldhaus kündigt einen umfangreichen Stellenabbau an.

Unicredit (ISIN IT0000064854)

Der Stresstest ist Geschichte: Die Aufseher sprechen von einem zufriedenstellenden Ergebnis. Erstmals überhaupt haben die Geldhäuser dargelegt, wie ihr Kapital unter Krisenbedingungen zusammenschmilzt und welche Puffer sie im Notfall haben.

Doch mit dem Stresstest ist noch nicht viel erreicht: Die Diskussion um eine tiefgreifende Reform im europäischen Finanzsektor hat gerade erst begonnen.

(Quelle: CEBS, EZB, Bundesbank, Bafin, CBFA, ACP, Banca Italia, De Nederlandsche Bank, Banco de Espana, Finansinspektionen, FSA, dpa, rts / Stand: September 2010 / Alle Charts zeigen einen Zeitraum von sechs Monaten)

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