Anleihen
(Foto: imago/Christian Ohde)

Renditen verzehnfachen sich: Ist das die Zinswende?

Von Raimund Brichta

Im Anleihenmarkt ist aktuell ordentlich Bewegung drin. Für viele Anleger und Sparer ist das ein klares Zeichen dafür, dass die Zinswende endlich kommt. Haben sie recht oder war hier nur der Wunsch Vater des Gedankens?

Es sieht aus wie eine Zinswende, es fühlt sich an wie eine Zinswende, aber ist es auch eine? Am Anleihemarkt haben sich die Renditen in den vergangenen Tagen zum Teil verzehnfacht. Zugegeben: Das hört sich dramatischer an, als es ist, da der Anstieg von nahezu null ausging und die Zinsen auch jetzt noch deutlich unter einem Prozent liegen. Trotzdem bleibt die Frage, ob dies etwa den Anfang eines neuen, langfristigen Zinsanstiegs markiert?

Raimund Brichta hört auf sein Gefühl - auch bei der Zinswende.
Raimund Brichta hört auf sein Gefühl - auch bei der Zinswende.

Von vielen wird dieser Anstieg sogar herbeigesehnt. Diese Leute betrachten die mickrigen Zinsen der jüngsten Vergangenheit nämlich als "unnormal", weil es seit Jahrhunderten nichts Vergleichbares gegeben hat. Das ist richtig und falsch zugleich. Richtig, weil es tatsächlich noch nie da war. Falsch, weil es in Anbetracht der Umstände doch eine "neue Normalität" ist.

Man muss nämlich Folgendes bedenken: Es hat selten einen so langen Zeitraum gegeben, in denen die Mengen an Geldvermögen so ungestört wachsen konnten wie in den letzten 70 Jahren. Kein Krieg und keine größeren Wirtschaftskrisen haben das Wachstum hierzulande unterbrochen. Im Ergebnis ist das Angebot an Ersparnissen, die nach verzinslicher Anlage suchen, immer weiter gewachsen. Die Nachfrage hält aber nicht genauso Schritt. Denn erstens wachsen in einer reifen Volkswirtschaft wie der unsrigen die sich bietenden attraktiven Investitionsmöglichkeiten nicht im gleichen Ausmaß mit. Und zweitens ist auch die vorhandene Verschuldung (die lediglich die Kehrseite des Geldvermögens darstellt) in den vergangenen Jahrzehnten stetig gewachsen. Damit wird es immer schwieriger, neue kreditwürdige Schuldner zu finden, die bereit sind, zusätzliche Schulden zu machen.

Der Ausgleich erfolgt über den Preis, der in diesem Falle Zins heißt. Dieser muss im Trend fallen, solange das beschriebene Wachstum anhält. Und es hält so lange an, wie es nicht durch Kriege oder heftige Wirtschaftskrisen unterbrochen wird.

An dieser Stelle kommen die Notenbanken ins Spiel, die mit ihren Geldkanonen zwar keine Kriege verhindern, dafür aber heftige Wirtschaftskrisen bekämpfen können. Und das tun sie seit Jahren mit Kräften. Somit halten sie ein System aus wachsenden Geldvermögens- und Schuldenmengen aufrecht, das ohne ihr Einwirken vermutlich schon längst zusammengebrochen wäre. Wie lange das noch geht, lässt sich zwar nicht exakt vorhersagen, aber nach meiner Einschätzung wird es noch einige Jahre, wenn nicht gar Jahrzehnte funktionieren.

Und so lange werden auch die Zinsen im Trend weiter nach unten gehen. Im Trend heißt: Hüpfer nach oben sind zwischendurch immer möglich - ähnlich wie es zuletzt  in den Jahren 2003 bis 2007 der Fall war. Der übergeordnete Abwärtstrend wird dadurch aber nicht beendet. Und deshalb mag sich das, was vor uns liegt, für viele vielleicht wie eine Zinswende anfühlen, es wird aber keine Zinswende sein,

meint Ihr

Raimund Brichta

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Quelle: n-tv.de

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