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Welt-Systemstressindex: Politische Gefahren werden 2017 prägen

Ein Gastbeitrag von Markus C. Zschaber

Das Unerwartete ist die Normalität geworden. Das politische Risikomanagement in Europa muss jetzt funktionieren und die großen Probleme angehen, bevor im kommenden Jahr ein böses Erwachen kommen könnte.

Kurz waren die Schockwellen nach dem Wahlsieg von Donald Trump möchte man meinen, vor allem wenn man die Reaktionen an den internationalen Finanzmärkten als Gradmesser heranzieht. In der Hoffnung auf haushaltspolitische Anreize und gelockerte Regulierungen konnte nach Bekanntgeben des Wahlergebnisses in den USA bis zum heutigen Tag eine regelrechte Entspannung an fast allen Märkten erkannt werden. Auch das klare Votum der italienischen Bevölkerung gegen die Verfassungsreform in Italien und damit gegen Matteo Renzi, dessen Plan es war, Italien regierbarer zu machen und wichtige Reformen umzusetzen, kann nur als Protest gegen den Kurs der Regierung verstanden werden.

Dr. Markus C. Zschaber
Dr. Markus C. Zschaber

"Das Ergebnis des Referendums in Italien ist ein klarer Vorbote für zukünftige Turbulenzen, die gerade in Europa aus der Politik in die Wirtschaft getragen werden könnten. Wir müssen derartige politische Extremrisiken als Situationen verstehen, in der Schocks auf einen Teil des Systems zu Schocks in anderen Teilen führen und damit Instabilität in der Realwirtschaft erzeugen, auch wenn die akute Krisentransformation noch nicht direkt für jedermann ersichtlich ist, fasst Dr. Markus C. Zschaber, Chef des Institut für Kapitalmarktanalyse Köln (IFK), welches monatlich den "Welt-Systemstressindex" veröffentlicht, zusammen.

Paradoxerweise reagierten bis zuletzt die Finanzmärkte sehr gelassen auf die jüngsten politischen Entwicklungen und befanden sich sozusagen in einer Jahresendrallye sowohl in den USA als auch in Europa. Interessanterweise zeigte sich dieses gerade nach der Wahl von Donald Trump als auch nach dem Rücktritt von Matteo Renzi. trotz der Tatsache, dass die Zukunft der USA seitens der neuen politischen Garde ungewiss ist und in Italien eine neue Phase des politischen Stillstands bevorsteht! Die gegenwärtige Ruhe an den Finanzmärkten kann somit trügerisch sein bzw. wird durch die globale Geldpolitik verzerrt, stellt Zschaber klar: "Wir müssen uns stets bewusst sein, dass die reale Welt bei Weitem nicht stabil oder stationär ist. Es wird immer dynamische Entwicklungen geben die zu starken Systemveränderungen führen können, wodurch alte empirische Beziehungen hinfällig werden. Beispiele finden wir zu Genüge in den letzten Jahren wie u.a. die Insolvenz von Lehmann, die Griechenlandkrise, den Brexit, die jetzige Wahl von Donald Trump, das aktuelle Referendum in Italien sowie die dortige Bankenkrise, deren Ausbruch durch den staatlichen Eingriff nun zeitlich verzögert wird.

Zu den Fakten in Italien: Nach wie vor liegt das reale Wachstum in Italien um -7,7% unter dem Hoch im Jahr 2007. Das Bankensystem ist großen operationellen und bilanziellen Risiken ausgesetzt, die Kapitalflucht steigt weiter an und die Staatsschulden eilen von Rekordhoch zu Rekordhoch. Durch die Einheitswährung Euro schwindet die Wettbewerbsfähigkeit in Italien immer weiter, so dass die Industrieproduktion und am Bau keine Fortschritte erkennbar sind und damit verharrt die Arbeitslosigkeit auf hohen Niveau. Noch nie in der Geschichte Italiens wuchs das reale Wachstum so schwach, wie als Mitglied der Eurozone und mit der gemeinsamen Währung.

"Die Frage die sich somit stellt, ist, preisen die internationalen Finanzmärkte das gegenwärtige und zukünftige politische Risiko und damit den systemischen Stress richtig ein? Ich bin hier skeptisch, vor allem wenn ich auf die niedrigen Prämien der Ausfallversicherungen für italienische Staatsschulden blicke. Von den durch die EZB künstlich niedrigen Refinanzierungszinsen Italiens, ganz zu schweigen", führt der Experte aus.

Das IFK Köln beurteilt die gegenwärtige Situation in den USA ähnlich kompliziert. Aktuell fokussieren alle die Ankündigungen, dass die Regierung unter Donald Trump Steuern senkt, Staatsausgaben für die Infrastruktur erhöht, gleichzeitig Bürokratie abbaut und Regulierungen dynamisch lockert. Die Hoffnung, welche hierbei derzeit dominiert, ist, dass die Nachfrage dadurch ansteigt, was wiederum die Potenzialwachstumsrate der USA erhöhen würde, ohne inflationistische Gefahren zu verursachen.

Völlig vernachlässigt wird aber das Risiko, dass die ebenfalls durch Donald Trump angekündigten Strafzölle und Einwanderungsverbote Gefahr laufen, Vergeltungsaktionen anderer Nationen hervorzurufen und möglicherweise einen Handelskrieg zu entfachen, der die Deglobalisierung vorantreibt. Das Risiko ist vorhanden, dass die Hoffnung auf ein gutes Ende unter Donald Trump zu optimistisch gewichtet wird und gleichzeitig die Gefahren ausgeblendet werden.

"Ich sehe es als unabdingbar, eine stärkere und differenzierte Einschätzung der langfristigen ökonomischen und politischen Folgen vorzunehmen. Ohne Berücksichtigung der vorhandenen Unsicherheiten, die in Bezug auf die Politik der künftigen US-Regierung sowie den möglichen politischen "Change" hier in Europa, als auch die globalen Verknüpfungen zwischen den Volkswirtschaften und den Märkten die heute multidimensional zusammengewachsen sind, kann keine Analyse der Realitäten erfolgen", so Zschaber weiter.

Was ist im neuen Jahr 2017 zu erwarten?

"Der Faktor "Politik" ist die bedeutendste nicht wirtschaftliche Variable in unserem Stressmodell (Welt-Systemstressindex), dieses gilt insbesondere auch im kommenden Jahr 2017. Das wird für Europa ein Superwahljahr mit richtungsweisenden Veränderungen", konstatiert der IFK Chef. Der Ausgang des Brexit-Votums oder die Wahl von Donald Trump haben aufgezeigt, dass Umfragen und politische Spekulationen ein bemerkenswert verzerrtes Bild zeichnen können, wenn sich die politische Landschaft verändert. Stimmungen werden nur unzureichend durch die Demoskopen widergespiegelt, welches zu irreführenden Wahrnehmungen führen kann. Richtig ist, dass die Welt trotz der jüngsten Erfahrungen nicht aus den Fugen geraten ist, welches wiederum an den umfangreichen und historisch einmaligen Maßnahmen der Notenbanken liegt.

Nach dem Brexit konnte der systemische Stress und die Auswirkungen auf die Politik, die Zentralbanken und die Finanzmärkte, im speziellen an den Zins- und Währungsmärkten quantifiziert werden. Im kommenden Jahr stehen Wahlen in Frankreich, den Niederlanden, in Deutschland und eventuell in Italien an. Laut IFK Köln sind die Systeme aktuell inhärent instabil, was schnell dazu führen kann, dass sich systemische Risiken in hoher Geschwindigkeit ausbreiten können. "Die politischen Risiken haben sich als systemischer Risikofaktor für die Weltwirtschaft und die internationalen Finanzmärkte etabliert, auch wenn diese nur partiell wahrgenommen werden. Sie gänzlich auszublenden wäre ein großer Fehler", konstatiert Markus C. Zschaber.

Auf die Frage ob ein systemisches Risiko, wie in den Jahren 2008/2009 oder 2011 im kommenden Jahr vorstellbar ist antwortet er: "Grundsätzlich gilt, dass das Unerwartete die Normalität geworden ist. Auf der anderen Seite besteht Zeit für die politischen Protagonisten die Existenzkrise in der EU noch abzuwenden. Richtig ist, dass die wirtschaftliche und politische Lage in Europa angespannt ist, aber noch politische Lösungswege existieren. Das politische Risikomanagement in Europa muss jetzt funktionieren und die großen Probleme angehen, bevor im kommenden Jahr ein böses Erwachen kommen könnte – viel mehr Chancen wird es nicht geben!"

Funktionsweise Welt-Systemstressindex:

Da sich Finanz-, Währungs- und realwirtschaftliche Krisen typischerweise deutlich voneinander unterscheiden, muss für die Identifikation von systemischen Risiken eine Vielzahl an Variablen dynamisch herangezogen werden um eine Determination zu ermöglichen. Der „Welt-Systemstressindex“ operationalisiert die Interdependenzen zwischen den Finanzmärkten und den makroökonomischen Entwicklungen auf Basis von Veränderungen bzw. der Veränderungsgeschwindigkeit. Bis zu 6.500 Variablen werden für die weltweite Bewertung berücksichtigt. Der Index bietet damit ein Gesamtbild über die Verfassung und Anfälligkeit der Weltkonjunktur, der Weltfinanzmärkte sowie deren wechselseitige Abhängigkeit. Indexstände oberhalb eines Niveaus von 20 Punkten (maximaler Stress 100 Punkte) bedeuten ein Stressniveau, welches bereits hohe Belastungen für die Realwirtschaft und die Finanzmärkte suggeriert. Bewegt sich die Stresskurve dagegen unterhalb einem Indexstand von -20 Punkten (minimaler Stress -100 Punkte) bedeutet dies, dass eine Entspannung erfolgt, in der ein Umfeld für positive Entwicklungen und Normalverteilung vorherrscht. Die Niveaus zwischen +20 und -20 quantifizieren das neutrale Umfeld. In diesem Bereich ist Wachsamkeit gefordert, da hier, je nach Richtung (zunehmender oder abnehmender Stress), dynamische Anpassungen in der Weltkonjunktur und an den Finanzmärkten bereits auftreten können.

Quelle: Die „Vermögensverwaltungsges. Dr. Markus C. Zschaber mbH“ und das „Institut für Kapitalmarktanalyse (IFK) Köln“ stellen den Index monatlich exklusiv der „Wirtschaftswoche“ und dem "Nachrichtensender n-tv" zur Verfügung. Informationen zum Index finden Sie unter www.zschaber.de und www.kapitalmarktanalyse.com.

Quelle: n-tv.de

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