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Eine Bitcoin-Münze auf einem "virtuellen Portemonnaie" in Form einer Speicherkarte.
Eine Bitcoin-Münze auf einem "virtuellen Portemonnaie" in Form einer Speicherkarte.(Foto: REUTERS)
Samstag, 10. Juni 2017

Papiergeld überlebt nicht: "Die Zukunft gehört den Cryptocoins"

Helikoptergeld, Bargeldbeschränkungen und Negativzinsen: "Wir leben in einem Experiment, das es in den vergangenen 3000 Jahren nicht gegeben hat", sagt Finanzexperte und Autor Markus Miller. Sparer und Verbraucher bräuchten mehr Sicherheit. Und die gibt es.

n-tv.de: Digitalwährungen sind auf dem Vormarsch. 179 offiziell anerkannte Papierwährungen stehen über 800 virtuellen Währungen gegenüber. Woher rührt dieser Hype?

Markus Miller: Wer die Kaufkraft seines Geldes sichern wollte, brauchte früher nur seinen 100-D-Mark-Schein ins Schließfach legen. Heute funktioniert das nicht mehr. Schuld sind die hohen Staatsverschuldungen sowie die Anleihenkäufe und Geldmengenausweitungen der Notenbanken. Die Menschen haben einfach das Vertrauen in den Wert des Geldes verloren. Sie suchen nach Alternativen, der Exodus geht in Gold, Silber, Diamanten, Immobilien - und in Cryptocoins.

Und warum sind Kryptowährungen sicherer als Bargeld? 

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Im Gegensatz zu Papiergeld basieren Kryptowährungen nicht auf Schulden. Das wachsende Vertrauen basiert auf der dahinterstehenden Technologie, der sogenannten Blockchain. Das ist ein dezentrales System, auf das kein Unternehmen und keine Notenbank Einfluss hat. Es reguliert sich selbst durch die jeweiligen Transaktionen von Angebot und Nachfrage in dieser Blockkette, die völlig transparent und einsehbar ist. Diese Technologie wird zukünftig unser gesamtes Leben in vielen Bereichen revolutionieren - nicht nur unser Geldsystem. Wahrscheinlich wird unser Geldwesen in Zukunft vollkommen digitalisiert sein. Deshalb ist es wichtig, eine ganz hohe Sicherheitsstufe zu implementieren. Blockchain erfüllt diese Voraussetzung.

Sie rechnen offenbar nicht mit großem Widerstand.

Das Vertrauen in diese Währungen und die Anwendungsmöglichkeiten in den unterschiedlichsten Bereichen wachsen. Sogar die Bundesbank und die Deutsche Börse forschen intensiv an dieser Blockkettentechnologie, um sie in Zukunft als Kassen- oder Orderbuch für Wertpapiergeschäfte zu nutzen. Auch Staaten sind an einer neuen Währung auf Basis kryptografischer Schlüssel - also mathematischer Verschlüsselungsmodelle - interessiert. Norwegen forscht an der EKrone. Japan hat den Bitcoin als offizielle Währung anerkannt. In Europa gibt es nur die Stadt Zug in der Schweiz, die Bitcoins offiziell bei Behördenangelegenheiten akzeptiert. Aber täglich kommen weitere Unternehmen dazu, die Bitcoin akzeptieren. Allerdings ist im Moment auch ein unglaublicher spekulativer Boom in diese Währungen entstanden.

Aber man weiß nicht einmal, wer hinter diesen kryptischen Geschichten steckt. Vater oder Mutter des Bitcoin ist angeblich Satoshi Nakamoto. Ist das eine Einzelperson oder eine Programmierergruppe? Da lauern doch neue Gefahren.

Ja richtig. Aber der Ursprung ist gar nicht mehr wichtig. Wer auch immer den Bitcoin erfunden hat, hat kaum mehr Einfluss auf das System. Das System hat sich dezentral entwickelt und dabei ganz unabhängig in der ganzen Welt etabliert. Nehmen Sie die Geschichte des Automobils: Es war Nicolaus Otto, der vor über hundert Jahren den Otto-Motor erfunden hat. Über die Jahre ist die Technologie immer weiter entwickelt worden durch die unterschiedlichsten Menschen und Unternehmen. Die Basis eines Autos, vier Räder, Bremse, Gas und Lenkrad sind dabei immer gleichgeblieben. Das gleiche ist mit dem Bitcoin geschehen. Die Programmierer haben einen Motor ins Internet gestellt und dieser Motor wurde weltweit weiterentwickelt auf Hundertausenden, wenn nicht gar Millionen Internet-Knotenpunkten. Genau das ist es, was die Technologie so sicher macht.

Trotzdem gibt es Betrugsfälle.

Das gab es in der Vergangenheit und vermutlich wird es das auch in Zukunft geben. Das ist richtig. Vor Jahren ging in Japan eine große Bitcoin-Plattform pleite, weil Bitcoins wie bei einem Bankraub veruntreut wurden. Das ist ein Risiko. Genau deshalb ist es sinnvoll, mehrere Handelsplattformen und unterschiedliche Konten zu nutzen.

Es gibt auch schwarze Schafe unter den Kryptowährungen: OneCoin, SwissCoin zum Beispiel gelten als unseriös. Wie kann der Laie gute von schlechten Digitalwährungen unterscheiden?

Chart

Niemand kann garantieren, dass sich eine Digitalwährung durchsetzen wird. Ich bin fest davon überzeugt, dass auch viele Digitalwährungen scheitern und auf den Wert Null fallen werden. Aber auf der Internetseite Coinmarketcap.com finden Sie Währungen, die von ihrer grundlegenden, technologischen Ausgestaltung solide konzipiert sind. OneCoin oder SwissCoin sind keine soliden kryptografischen Währungen, sie sind zentralisiert. Sie basieren auf Vertriebssystemen. Das macht einen großen Unterschied. Hinter ihnen stehen Unternehmen, die diese Währungen bewirtschaften. Gehen diese Unternehmen pleite, ist das Geld weg. Die Währungen werden mit gigantischen Provisionen von teilweise über 30 Prozent weiterempfohlen. Das sind reine Pyramidensysteme, denen fortlaufend Substanz durch Provisionsausschüttungen entzogen wird. So etwas kann nicht funktionieren.

Der Bitcoin hält Kurs auf umgerechnet 3000 Euro. Ist das noch gesund?

Das ist eine unglaubliche Entwicklung, die grundsätzlich sogar begrüßenswert ist. Je höher die Marktkapitalisierung, desto höher die Verbreitung und Akzeptanz. Splitten ist kein Thema, weil es wie beim Euro Unteranteile gibt. Die kleinste Einheit beim Bitcoin heißt Satoshi, benannt nach der Gründergruppe. Selbst wenn ein Bitcoin 20.000 Euro wert ist, ist das kein Problem, weil Sie auch etwas mit 0,00000001 Bitcoin bezahlen können.

Der Nutzen in der Praxis – zumindest hier in Deutschland - ist trotzdem nicht besonders groß.

Markus Miller ist ehemaliger Privatbanker, Finanzanalyst, Gründer des Medien- und Beratungsunternehmens Gepolitical Biz und Buchautor.
Markus Miller ist ehemaliger Privatbanker, Finanzanalyst, Gründer des Medien- und Beratungsunternehmens Gepolitical Biz und Buchautor.

Weil wir Deutschen ein Volk der Barzahler sind. In Skandinavien oder Kanada wird viel mehr mit Karte oder auch Handy bezahlt. In Skandinavien gibt es Kirchen, wo Sie die Kollekte oder die Strafzettel der Polizei mit Ihrem Smartphone bezahlen. Wir Deutschen sind rückständig - oder vorsichtig. In der ganzen Welt gibt es über 1250 Bitcoin-Geldautomaten. Viele davon in Österreich, viele in Tschechien, einige in Frankreich, über 60 in Großbritannien, über 800 in den USA und über 400 in Kanada. Liechtenstein hat gerade seinen ersten Automaten erhalten. Deutschland hat keinen einzigen für die Öffentlichkeit.

Warum?

Weil die Bundesbank und die Bafin - derzeit noch - einschreiten und es nicht gestatten. Es gibt aktuell nur drei Bitcoin-Geldautomaten zu Forschungszwecken. Ich bin sicher, bei dem Bitcoin-Boom wird es schon bald eine Bank sein, die den ersten Automaten aufstellt, vermutlich zu Marketingzwecken. Bei der Zinspolitik müssen die Finanzinstitute schauen, dass sie neue Geschäftsfelder erschließen. Blockchain und Bitcoin bieten da eine Möglichkeit.

Sie haben den Widerstand der Bafin erwähnt. Die Finanzaufseher beäugen das Paralleluniversum skeptisch. Angeblich ist digitales Geld ein perfektes Versteck für Geld des organisierten Verbrechens.

Ich halte das für einen absoluten Mythos. Für das organisierte Verbrechen sind andere Märkte interessanter. Das Geld wird zum Beispiel durch den Handel mit Kunstwerken, Immobilien oder Unternehmen gewaschen. Die Regulatoren möchten gerne bestimmte Bereiche kontrollieren, bei Banken und Vermögensverwalter ist das möglich. Aber bei Bitcoin nicht. Ich glaube, dass die Bafin, die Bundesbank, die Regierungen kryptografischen Währungen in ihre eigenen Systeme integrieren werden müssen. Warum? Damit es kein Paralleluniversum gibt, das erfolgreicher werden könnte als das eigene Geldsystem. Dann würden doch die Staaten scheitern, und genau das werden sie zu verhindern versuchen.

Wie darf man sich diese neue schöne Geldwelt vorstellen? Haben wir dann nur noch kryptisches Geld in der Tasche? Oder ein reales und ein virtuelles Portemonnaie?

Ich glaube, dass unser Geldwesen der Zukunft grundsätzlich auf kryptographischen Verschlüsselungssystemen basieren wird. Die Banken der Zukunft heißen dabei Amazon, Apple oder Alphabet (Google). Dass es daneben noch Parallelwährungen in kleineren Mengen geben wird, kann ich mir auch vorstellen. Wir haben Angst vor diesen technologischen Dingen, die in unser tägliches Leben Einzug halten, weil wir uns nicht richtig damit befassen. Aber jetzt kommen Bargeldbegrenzungen und -verbote. Der 500-Euro-Schein wird beispielsweise abgeschafft. Barzahlungsobergrenzen sinken immer weiter. Die Menschen werden damit automatisch gezwungen, sich mit den neuen Technologien auseinanderzusetzen.

Sie haben ein Buch mit dem Titel "Die Welt vor dem Geldinfarkt. Wie Sie sich mit finanzieller Selbstverteidigung Ihr eigenes Fort Knox schaffen" geschrieben. Warum so dramatisch?

Unser Geldsystem ist seit den 80er Jahren vollkommen aus dem Ruder gelaufen. Es sind jede Menge neuer Finanzprodukte entstanden: Derivate, Optionen, Futures, Zertifikate und weitere rein virtuelle Finanzvehikel. Sie entsprechen nicht mehr dem realwirtschaftlichen Zweck, sondern dienen rein der Finanzmarktspekulation. Die Welt ist heute mit 225 Billionen US-Dollar verschuldet. Geld basiert auf einer Wertschöpfung durch Kreditvergaben. Je höher die Schulden, desto weniger wert ist das Papiergeld. Die Wertaufbewahrungsfunktion ist einfach nicht mehr vorhanden. Die Kaufkraft wird immer weiter abnehmen. Wir leben in einem Experiment, das es in den vergangenen 3000 Jahren noch nie gab: Negativzinsen. Es ist ein Experiment mit offenem Ausgang. Ein Mathematiker hat 600 Papiergeldsysteme der vergangenen 1000 Jahre analysiert. Davon hat kein einziges überlebt. Deswegen: Vertrauen Sie nicht auf Regierungen und Staaten, sondern schaffen Sie sich Ihr eigenes, gedecktes Geldsystem. Das ist möglich, Sie entscheiden dabei über die Deckungsart, von Goldcoins bis Cryptocoins.

Mit Markus Miller sprach Diana Dittmer

Quelle: n-tv.de

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