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Wird nächster US-Präsident: Donald Trump.
Wird nächster US-Präsident: Donald Trump.(Foto: REUTERS)
Dienstag, 10. Januar 2017

6:4 für Aktien: Börsen trotzen Brexit, Trump & Co.

Ein Gastbeitrag von Stefan Eberhardt

Der EU-Austritt Großbritanniens, Donald Trump und ein möglicher Italexit – die Risiken für Aktien sind in den vergangenen Monaten gestiegen. Trotzdem besteht kaum Grund für Pessimismus.

Politische Ereignisse sollten an den Finanzmärkten nicht überinterpretiert werden. Das hat das Jahr 2016 eindrucksvoll untermauert. Das EU-Austrittsvotum der Briten und die Wahl von Donald Trump zum nächsten US-Präsidenten haben nur kurzfristig für Kursrückgänge gesorgt, die innerhalb von Stunden wieder relativiert wurden. Entscheidender sind die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen – und die sprechen unter dem Strich dafür, dass auch 2017 wahrscheinlich ein ganz gutes Aktienjahr werden kann. Das sind die wichtigsten Argumente pro Aktien:

1. In der Eurozone unterstützt die schwache Gemeinschaftswährung die Exporte. Heute notiert der Euro gegenüber dem US-Dollar fast ein Viertel niedriger als vor drei Jahren. Damit sind die außerhalb der Eurozone erzielten Gewinne in Euro umgerechnet deutlich mehr wert als früher. Außerdem besteht für europäische Unternehmen Spielraum, die Preise zu senken und so Marktanteile zu gewinnen.

2. Der noch immer vergleichsweise niedrige Ölpreis sorgt für geringe Energiekosten. Das entlastet die Unternehmen und die Verbraucher haben für den Konsum mehr Geld in der Tasche. Der Ölpreis ist gleichzeitig aber nicht mehr so niedrig, dass ein Kollaps der Ölförder-Staaten und der US-Frackingindustrie befürchtet werden muss.

3. Die EZB sorgt mit ihren milliardenschweren Anleihekäufen weiter für ein niedriges Zinsniveau. Für die Unternehmen bedeutet dies geringere Investitionskosten, wovon die Gewinne profitieren. In den USA liegen die Zinsen zwar schon höher. Hier ist aber der Konjunkturzyklus weiter fortgeschritten – die US-Wirtschaft wächst deutlich robuster als die europäische. Auch davon profitieren die Aktiengesellschaften. Die unterschiedlichen Zinsniveaus passen zu den jeweiligen Wirtschaftsräumen.

Stefan Eberhardt ist Leiter des Portfoliomanagements der Eberhardt & Cie. Vermögensverwaltung. Außerdem ist der Finanzexperte nebenberuflich als Dozent für Volkswirtschaftslehre an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg tätig.
Stefan Eberhardt ist Leiter des Portfoliomanagements der Eberhardt & Cie. Vermögensverwaltung. Außerdem ist der Finanzexperte nebenberuflich als Dozent für Volkswirtschaftslehre an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg tätig.

4. Trump will milliardenschwere Investitionen in die amerikanische Infrastruktur initiieren und die Steuern massiv senken. Da sich die Versorgungs- und Verkehrsnetze in den USA in einem erbärmlichen Zustand befinden, sind überproportional hohe Wachstumseffekte für die US-Wirtschaft zu erwarten. Das kommt auch europäischen Unternehmen zugute – vor allem denen, die in den USA Tochterfirmen betreiben.

5. Die Aussichten für die Schwellenländer haben sich entspannt. Das Wachstum vor allem in China stabilisiert sich offenbar. Auch Brasilien und Russland haben wohl die schlimmsten Zeiten erst einmal hinter sich. Beiden Ländern kommt die Erholung der Rohstoffpreise zugute – abzulesen ist das am Real und am Rubel.

6. Überzeugende Alternativen zu Aktien sind nach wie vor Mangelware. Die Zinsen bei Anleihen und Bankeinlagen bewegen sich nahe der Null-Linie - dies wird sich auch bis auf weiteres nicht ändern. Gold dient zwar als Risikoschutz, die Marktstimmung ist jedoch weiterhin negativ und große Kurssprünge sind nicht zu erwarten.

Doch ganz so einfach ist die Sache leider nicht. Denn es gibt auch stichhaltige Argumente contra Aktien:

1. Die unterschiedliche Preisentwicklung in der Euro-Zone ist mit großer Sorge zu betrachten. Während in Deutschland die Inflation sprunghaft auf 1,7 Prozent gestiegen ist, herrschen in Italien deflationäre Tendenzen. Solche Unregelmäßigkeiten erschweren die Politik der EZB, welche ihre Vorgehensweise grundsätzlich auf die gesamte Euro-Zone und nicht länderspezifisch abstimmt. Eine dauerhafte Deflation einzelner Euro-Länder führt zu einer Erosion deren Wirtschaft und damit zu einer Verschärfung der Euro-Krise.

2. Europa ist extrem fragil. Gerade ist der EU-Botschafter Großbritanniens zurückgetreten, weil er glaubt, der Brexit könnte zehn und nicht die angepeilten zwei Jahre dauern. Italien ist hoch verschuldet, die Banken stehen dort kurz vor der Pleite. Bei den Wahlen in Frankreich, den Niederlanden und Deutschland dürften die europakritischen und -feindlichen Parteien weiter Zulauf erhalten.

3. Krieg und Terror, vor allem im arabischen Raum, sowie die Flüchtlingsproblematik führen zu einer Verunsicherung der westlichen Bevölkerung und damit zu Investitions- und Konsumzurückhaltung.

4. Und Trump könnte die USA wie im Wahlkampf angekündigt tatsächlich abschotten, was das Wachstum der Weltwirtschaft empfindlich stören würde.

Unter dem Strich überwiegen die Argumente für Aktien mit 6 zu 4. Doch nicht alle Titel sind attraktiv. Die Industrie befindet sich weltweit in einem massiven Wandel. Dieser eröffnet für die Unternehmen tolle Chancen, birgt aber auch enorme Gefahren. Neue Geschäftsmodelle entstehen, alte werden vernichtet. Diese Zeit der schöpferischen Zerstörung ist eine Gelegenheit für Stockpicker mit dem richtigen Riecher.

Disclaimer

Diese Publikation dient nur zu Informationszwecken und zur Nutzung durch den Empfänger. Sie stellt weder ein Angebot noch eine Aufforderung seitens oder im Auftrag der Eberhardt & Cie. Vermögensverwaltung zum Kauf oder Verkauf von Wertpapieren oder Investmentfonds dar. Die in der vorliegenden Publikation enthaltenen Informationen wurden aus Quellen zusammengetragen, die als zuverlässig gelten. Die Eberhardt & Cie. Vermögensverwaltung gibt jedoch keine Gewähr hinsichtlich deren Zuverlässigkeit und Vollständigkeit und lehnt jede Haftung für Verluste ab, die sich aus der Verwendung dieser Information ergeben. Eberhardt & Cie. Vermögensverwaltung

Quelle: n-tv.de

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