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(Foto: REUTERS)
Mittwoch, 30. September 2015

Lieber von der Seite zuschauen: Börsen auf Crashkurs?

Ein Gastbeitrag von Ralf Goerke

Auch im tiefsten Winter gibt es sonnige Tage, meint Chartanalyst Ralf Goerke zum aktuellen Dax-Plus. Ein Blick auf die Charts verrät aber insgesamt nichts Gutes. Da sollte das Geld eine Pause auf dem Konto einlegen.

"Die Ruhe vor dem Sturm" lautete die Überschrift zu meiner letzten Analyse vor genau sechs Wochen. Damals notierte der Dax noch bei ca. 10.700 Indexpunkten. Seither fiel der deutsche Leitindex in der Spitze um bis zu 1.200 Punkten. Wer sein Geld wie empfohlen bis jetzt auf dem Konto gelassen hat, könnte heute weitaus billiger einsteigen. Trotzdem sollte der Anleger immer noch mit Käufen warten.

Am 10. April erreichte der Dax sein bisheriges Jahres- und auch Allzeithoch bei 12.390,75 Indexpunkten. Damals lag seine bis dahin erzielte Jahresperformance bei Plus 26,9 Prozent! Ende September – ganze fünfeinhalb Monate später – ist nicht nur dieser Gewinn wieder weg, nein, der Dax liegt seit Jahresbeginn sogar mit knapp 2,0 Prozent im Verlust! Wie gewonnen, so zerronnen …

In meiner letzten Analyse zum internationalen Aktienklima Mitte August lautete das Fazit, doch einfach mal das Geld auf dem Konto zu lassen und den ganzen Verführungen dieser Börsenindustrie mit ihrer täglichen Flut von Kaufempfehlungen zu trotzen. Besser keine oder geringe Zinsen auf dem Konto als ein volles Depot mit dicken Verlusten. Damals schloss der Dax bei 10.682 Punkten, gestern notierte er zum Ende des Präsenzhandels bei 9.450 Indexpunkten.

Zwar wird es wohl immer schwierig bleiben, treffsichere Prognosen für ein so komplexes System wie die Börse zu erstellen, aber eine akzeptable Standortanalyse ist heute mit Hilfe der technischen Analyse sehr wohl möglich! Wie sieht es also derzeit hinsichtlich des allgemeinen, internationalen Aktienklimas an den Börsen aus?

Bild 1 Aktienklima-Indikator
Bild 1 Aktienklima-Indikator

Der in der ersten Grafik abgebildete Aktienklima-Indikator zeigt Ihnen die Schwungkraft der 50 wichtigsten Börsen weltweit im Durchschnitt (Bild 1). Ist diese Schwungkraft aufwärts oder eher abwärts gerichtet? In welche Richtung geht der Schwung an den Börsen im Allgemeinen?

Solange der Indikator über seinem Schwellenwert bei 1,0 tendiert (siehe horizontale Linie), sprechen wir von einem weltweit günstigen oder zumindest akzeptablen Aktienklima. Wie allerdings erkennbar ist, fiel der Indikator bereits Anfang Juli unter den Schwellenwert. Damit die vielen Fehlsignale, die diese "Börsenampel" aufgrund ihrer oftmals erratischen Bewegungen um die Marke bei 1,0 generiert, reduziert werden, wurde ein gleitender Durchschnitt (blaue Linie) eingefügt. Dieser 38-Tage-Gleitende Durchschnitt (GD) dient als die eigentliche Signallinie. Das letzte Mal fiel dieser GD vor wenigen Wochen, am 18. August unter den Schwellenwert und generierte damit ein allgemeines Verkaufssignal für Aktien (s. letzter roter Abwärtspfeil).

Aktuell befindet sich dieses Modell in der denkbar schlechtesten Konstellation: Beide Linien verlaufen unterhalb des Schwellenwertes und der Indikator liegt unterhalb seines fallenden GDs. Und das bedeutet: Baisse! Sollte die blaue Durchschnittslinie bei diesem schwierigen Umfeld an den Börsen weiter fallen und dabei unter die Marke von 0,9 rutschen (was äußerst selten vorkommt), befänden wir uns nach der Interpretation dieses Modells sogar im Stadium einer Crash-Phase an den Börsen.

Bild 2 Trendbarometer
Bild 2 Trendbarometer

Während der Aktienklima-Indikator die Veränderungen in der Schwungkraft an den Börsen über einen längeren Zeitpunkt zeigt, liefert das ebenfalls von mir entwickelte "Trendbarometer" eine zeitpunktbezogene Bestandsaufnahme (Bild 2). Hier erkennen Sie die Qualität der Börsenverfassung in Form einer zugewiesenen Schulnote, die als Skalierung um das Barometer gelegt wurde. Der Vorteil dieser Darstellungsmethode: Die Trendqualität der weltweiten Börsenindizes wird gleichzeitig auf unterschiedlichen Fristigkeiten abgebildet. Das Besondere an der gegenwärtigen Situation ist, dass alle farbigen Nadeln (rot = kurzfristig, orange = mittelfristig und blau = langfristig) sehr nahe beieinander liegen. Würde man also dem aktuellen weltweiten "Börsenwetter" eine Bewertung mittels einer Schulnote zukommen lassen müssen, so wäre dies ein klares "mangelhaft" (grüne Nadel)! Und das gilt für alle drei Zeitebenen (kurz-, mittel- und langfristig)! Für einen Trendfolger bedeutet diese Darstellung klipp und klar: Finger weg von Aktien! Übrigens: Vor fünf Wochen sah dieses Trendbarometer hinsichtlich seiner Anzeige nicht wesentlich anders aus als jetzt! Lesen Sie nochmal nach!

Bild 3 Verhältnis bullisher und bearisher Indikatoren
Bild 3 Verhältnis bullisher und bearisher Indikatoren

Wie sich derzeit der Kampf zwischen den Bullen und den Bären in der Bewertung unterschiedlicher Indikatoren bei den 50 wichtigsten Börsen weltweit darstellt, sehen Sie in der nächsten Abbildung (Bild 3). Die Form der Darstellung bringt sehr schön das aktuelle Kräfteverhältnis zwischen Bullen (blau) und Bären (rot) zum Ausdruck. In allen Fristigkeiten bis hin zu den sehr langfristigen 200-Tage-Linien und den Gold- bzw. Todeskreuzen (rechts außen) sind die Bären am Ruder! Dass auch jetzt dieser langfristige Bereich in Mitleidenschaft gezogen wird, stimmt sehr nachdenklich. Nebenbei: Auch im Dax fällt seit vorletztem Freitag (18.09.) die 200-Tage-Linie und der Kurs des Dax verläuft darunter (= langfristiger Abwärtstrend)! Wer also meint, in diesen unsicheren Zeiten ein volles Aktiendepot haben zu müssen oder gar noch Aktien zu kaufen, weil die "Kanonen donnern", soll es tun. Trendfolgern sagt auch dieses Modell: Zuschauen und mit einem leeren Depot und Geld auf dem Konto auch mal eine Weile nichts tun, ist nervenschonender! Vielleicht donnern dieses Jahr die Kanonen im Oktober noch lauter?

Bild 4 Änderung der weltweit steigenden und fallenden Aktien
Bild 4 Änderung der weltweit steigenden und fallenden Aktien

Die vierte und letzte Grafik verdeutlicht Ihnen, ob derzeit weltweit mehr Aktien steigen oder fallen und in welchem Verhältnis die beiden Gruppen zueinander stehen (Bild 4). Nun, nach den bisherigen Modellen kann man sich schon denken, was dabei herauskommt. Auch hier dominieren ganz klar die Bären. Das Risiko, mit seinem Aktienengagement falsch zu liegen, weil deutlich mehr Aktien fallen als steigen, ist also enorm groß. Interessant ist, dass sich bereits seit Ende Juli dieser Überhang von mehr fallenden als steigenden Aktien fast durchgehend feststellen lässt.

Fazit: Die Börsen spielen den September-Blues. Da kommt so eine Nachricht wie die von VW genau richtig und drückt nochmal ordentlich auf die ohnehin schon schlechte Börsenstimmung "Made in Germany". Aber: Die Aktienmärkte sind rund um den Globus technisch angeschlagen und das inzwischen auch in der langfristigen Tendenz. Nur zwei der 50 regelmäßig von mir untersuchten Indizes können derzeit noch ein positives Momentum vorweisen. Das sind gerade mal 4,0 Prozent!

Fairerweise muss an dieser Stelle allerdings gesagt werden, dass unter den deutschen Indizes der TecDax wirklich einen Lichtblick darstellt. Er gehört zu diesen zwei Indizes mit positivem Momentum. Sein Jahresplus beträgt immer noch knapp 25 Prozent, womit er aktuell zu den besten Indizes weltweit in diesem Jahr gehört und sich sehr deutlich von der Tendenz des Dax abkoppeln kann!

Da sich weder der Trend an den Börsen noch das allgemeine Aktienklima seit der letzten Untersuchung vor sechs Wochen zum Positiven verändert haben, bleibt auch meine Empfehlung zur weiteren Abstinenz von Aktienengagements im Allgemeinen bestehen.

Mehr Informationen zur Strategie von Ralf Goerke und seinem regelmäßigen Trendbarometer finden Sie auf seiner Website unter: www.momentumstrategie.de.

Quelle: n-tv.de

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