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Stefan Riße im Gespräch: Schulden "weginflationieren"

Seit dem Ausbruch der Finanzkrise pumpen die Notenbanken der großen Volkswirtschaften Geld zu rekordverdächtig niedrigen Zinsen in die Märkte. Diese laxe Geldpolitik nährt jedoch die Furcht, dass die Rechnung für diese Liquiditätsschwemme schon bald in Form eines deutlich steigenden Preisniveaus serviert wird. Für Stefan Riße, n-tv-Zuschauern vor allem als langjähriger Börsenreporter vom Frankfurter Aktienparkett bekannt, gibt es deshalb keinen Zweifel: "Die Inflation kommt". In seinem gleichnamigen Buch liefert er stichhaltige Argumente für eine schleichende Geldentwertung und schildert, wie Anleger ihr Vermögen schützen können. Im Gespräch mit Telebörse.de verrät Riße, welche Rolle die Schwellenländer beim Ausbruch der Inflation spielen, warum Vergleiche mit der Entwicklung in Japan hinken und weshalb die Notenbanken wenig gegen die Inflation in der Hand haben.

Stefan Riße
Stefan Riße

Telebörse.de: Herr Riße, Sie kündigen die große Inflationswelle an. Warum, bisher ist davon doch überhaupt nichts erkennbar?

Stefan Riße: Fraglos befindet sich die Welt momentan noch in den Nachwirkungen des schweren Wirtschaftseinbruchs von 2009, was sogar eher deflationär wirkt. Doch die Schulden, die in den vergangenen zwei Jahrzehnten bereits gemacht wurden, und die, die aktuell von den Staaten gemacht werden, führen uns auf längere Sicht unausweichlich in ein Inflationsszenario.

In Japan ist das aber bisher nicht der Fall, obwohl die Budgetdefizite dort seit dem Platzen der Immobilien- und Aktienmarktblase im Jahr 1990 enorm ausgeweitet wurden.

Das liegt vor allem daran, dass die Japaner die Krise bis heute nicht so konsequent bekämpft haben, wie die westlichen Industrieländer dies zurzeit tun und weiterhin tun werden. Und man darf nicht den Fehler machen, Japan mit einer Demokratie im westlichen Sinn zu verwechseln. Japan ist eine Konsensgesellschaft. Jahrzehnte regierte dort die gleiche Partei und die Japaner sind viel leidensfähiger und haben sich der jahrelangen Rezession in Demut gefügt. Das ist von den amerikanischen Bürgern nicht zu erwarten und noch viel weniger von den Europäern: Denken sie nur an Griechenland. Unisono war zu hören, dass das Volk sähe ein, dass jetzt gespart werden müsse, und kaum hatte die Regierung verkündet, wo gespart wird, gingen die Betroffenen auf die Straße.

Aber wie soll denn eine Inflation entstehen. Überall in der Industrie gibt es Überkapazitäten?

Ganz sicher wird es keine Inflation geben, weil die Industrie die Nachfrage nicht mehr befriedigen kann. Der enorme technische Fortschritt und die dadurch ausgelösten Produktivitätssteigerungen sowie die Einbindung der Schwellenländer wie eben China in die globale Industrieproduktion hatten und haben noch immer extrem deflationäre Wirkung. Das war der Grund, warum  in den vergangen 25 Jahren Geldmenge und Verschuldung in den alten Industrieländern rund zweieinhalb Mal so schnell wachsen konnte wie die Wirtschaft, ohne dass es zu nennenswerter Verbraucherpreisinflation kam. Die Inflation fand stattdessen an den Finanzmärkten statt. Aber diese Effekte werden in nicht allzu weiter Ferne auslaufen oder sich sogar umdrehen, weil die Löhne in China und anderen Emerging Markets zu steigen beginnen. Die Bürger dort wollen nicht nur hart arbeiten um Produkte für Amerikaner und Europäer zu produzieren, sondern selbst den Nutzen haben. Und es ist auch im Interesse dieser Länder ihre Binnenkonjunktur zu stärken, um die Abhängigkeit vom Ausland zu reduzieren. Diese ist im Fall von China sehr gefährlich, denn irgendwann wird man sich in Peking wahrscheinlich nicht mehr gegen eine Aufwertung des Yuan gegenüber Euro und US-Dollar sperren können. Die bisher sinkenden Importpreise für Waren aus China könnten so auf einen Schlag teurer werden. Ein anderer Faktor sind die Rohstoffe. Hier sind die Kapazitäten nicht unbegrenzt, wie sich im Boomjahr 2007 zeigte und sich in Ansätzen bereits wieder zeigt. Und die Rohstoffpreise haben Einfluss auf viele Waren des täglichen Lebens. Die Inflation kann insofern viel schneller zurückkehren, als manche heute denken.

Aber können die Notenbanken dann nicht einfach die Zinsen erhöhen und diese im Ansatz bekämpfen?

Das ist der große Trugschluss, weil genau das nicht gehen wird. Durch den massiven Verschuldungsanstieg, der jeden Tag größer wird, sind viele Volkswirtschaften mittlerweile abhängig von den teilweise fast bei Null liegenden Leitzinsen, wie ein drogenabhängiger von der Nadel. Sobald diese deutlich auf - sagen wir vier bis fünf Prozent - erhöht würden, käme es zu einem erneuten Zusammenbruch der Wirtschaft und vieler Banken. Eine Pleitewelle unfassbaren Ausmaßes wäre die Folge. Auch das ist natürlich ein Weg der Entschuldung, aber einer, der wie in den 30er Jahren erhebliche soziale Unruhen hervorrufen würde und den die Politik unbedingt vermeiden will und muss. Keine Regierung, die eine solche Politik des gesund sparen durchziehen würden, hätte Chancen wiedergewählt zu werden. Also bleibt nur der Weg, die Schulden weg zu inflationieren. Dies wird von selbst passieren, wenn die Inflation nicht bekämpft wird, weil dann steigende Löhne folgen, die die Preise weiter antreiben, gefolgt von einer weiter preistreibenden Flucht in Sachwerte.

Wie kann sich der Anleger schützen?

Er muss unbedingt jetzt schon auf Sachwerte setzen, die in der Inflation auch im Preis steigen. Die ewige Währung Gold zum Beispiel, in das man in verschiedensten Formen wie auch CFDs anlegen kann. Immobilien sind bei der richtigen Auswahl ebenfalls eine Möglichkeit. Und auch Aktien bieten Inflationsschutz, denn auch Sie gehören, weil sie dem Besitzer einen Anteil am Besitz der jeweiligen Aktiengesellschaft verbriefen, zur Gruppe der Sachwerte. Je substanzstärker sie sind, desto besser. Wer, wie der typische deutsche Sparer, eine liquide Anlage ohne Kursrisiko sucht, dem bieten zukünftig nur noch inflationsgeschützte Anleihen eine Möglichkeit, seine Ersparnisse einigermaßen unbeschadet durch die Inflation zu bringen.

Doch den besten Schutz liefern sie nicht, denn sie sind mit dem Zins an die offizielle Inflationsrate gebunden. Diese aber gibt schon längst nicht mehr die tatsächliche Steigerung der Verbraucherpreise wieder. Und je stärker sie steigt, desto mehr werden die politisch Verantwortlichen dazu geneigt sein, sie nach unten zu manipulieren. Ein Staat, der illegal erworbene Daten von Steuersündern kauft, wird auch vor einer Manipulation der Statistiken nicht zurückschrecken, wenn es aus seiner Sicht der Allgemeinheit dient.

Stefan Riße, Chefstratege des Online-Derivatehändlers CMC Markets, ist vor allem durch seine fünfeinhalbjährige Tätigkeit als Börsenkorrespondent von der Frankfurter Börse für n-tv einem breiten Publikum bekannt geworden. Sein Buch "Die Inflation kommt" erscheint bereits in der zweiten Auflage und enthält anders als die Urausgabe ein Nachwort von Françoise Kostolany, der Witwe des 1999 verstorbenen legendären Börsenexperten André Kostolany.

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Quelle: n-tv.de

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