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Das ist Henry.
Das ist Henry.(Foto: Fixura)

Social Lending auf dem Vormarsch: Kredit von Mensch zu Mensch

Von Samira Lazarovic

Das Vertrauen in Banken ist erschüttert, niedrige Zinsen frustrieren die Anleger, Verbraucher suchen unkomplizierte, schnelle Kredite: Das ist der ideale Nährboden für direkte Peer-to-Peer-Kredite. "Social Lending"-Plattformen wie Lending Club, Auxmoney oder Fixura arbeiten sich massiv aus der Nische hervor. Kann das Kreditgeschäft wirklich so einfach sein?

Das ist Henry. Henry ist stolz darauf, dass er seine Rechnungen immer pünktlich bezahlt. Unglücklicherweise ist Henrys Auto kaputt gegangen. Nachdem er aber alle seine Rechnungen bezahlt hat, hat er kein Geld für die Reparatur übrig. Henry wendet sich an eine Online-Kreditplattform, er gibt den Betrag, den er sich ausleihen möchte, die Laufzeit des Kredits und den Zinssatz, den er bereit ist zu zahlen, an und hat schon wenige Klicks später erfolgreich einen Kreditantrag gestellt.

Das ist Anna. Anna hat etwas Geld gespart und möchte es gerne so anlegen, dass sie dafür eine gute Rendite bekommt. Über die Online-Plattform kann sie unter anderem in Henrys Kredit investieren. Nach einer Weile bekommt Henry so sein Geld zusammen, Anna bekommt monatlich die Zins- und Rückzahlungsraten von Henry und den anderen Kreditnehmern gut geschrieben. Anna hat nun zwei Möglichkeiten: Das Geld auszahlen lassen oder gleich wieder in neue Kreditanfragen von Menschen investieren, die zum Beispiel eine Umschulung, eine Renovierung oder anderes finanzieren möchten.

Das betont kindlich-unbeholfen wirkende Zeichentrick-Video auf der Website des finnischen Unternehmens Fixura erklärt das Prinzip der Online-Kreditplattform einfach und im Sendung-mit-der-Maus-Stil: "Egal, ob Sie sich Geld leihen oder Geld anlegen, Menschen helfen und eine gute Rendite erzielen möchten: Es ist ganz einfach und dauert nur wenige Minuten." So einfach bleibt es auch, wenn man Jochen Häfele, Projektkoordinator Europa bei Fixura, nach der Geschäftsidee hinter dem Portal fragt: "Ganz simpel könnte man sagen, man bekommt auf einem Tagesgeldkonto 1,5 Prozent und der andere bezahlt auf einem Girokonto 13 Prozent oder mehr. Diese 12 Prozent Differenz können ja auch direkt zwischen den beiden Parteien aufgeteilt werden. Das ist der Gedanke – dafür steht peer-to-peer – privat zu privat."

Perfektes Arbitrage-Geschäft

"Es ist das absolut perfekte Arbitragegeschäft zwischen unzähligen von niedrigen Renditen frustrierten Investoren und zahllosen verzweifelten Kleinunternehmern, die händeringend Geld brauchen", erklärte Robert Lamb, Finanzprofessor der New York University, das Geschäftsmodell von Online-Kreditplattformen der "Business-Week". Vor Fixura war bereits Renaud Laplanche, Gründer des seit 2007 aktiven amerikanischen "Lending Clubs", diese Zinsdifferenz aufgefallen. Und zwei Jahre vor ihm dem Unternehmen "Zopa" aus Großbritannien. Ebenfalls 2007 gingen Auxmoney und Smava in Deutschland an den Start.

Die Online-Kreditplattformen profitieren stark von der seit Jahren anhaltenden Finanzkrise und dem schwindenden Vertrauen in die Banken. Und so entwuchs etwa der "Lending Club" innerhalb von wenigen Jahren den Kinderschuhen und liegt mittlerweile bei einem vermittelten Kreditvolumen von 100 Mio. Dollar monatlich. Wall-Street-Größe und Ex-Morgan-Stanley-Chef John Mack sowie der ehemalige Finanzminister der USA, Larry Summers, schmücken die Vorstandsriege des Unternehmens. Davon ist die Konkurrenz hierzulande noch ein ganzes Stück entfernt, Auxmoney erzielte im vergangenen Jahr ein Kreditvolumen von rund 67 Mio. Euro, die 2009 gegründete Fixura liegt aktuell bei knapp zehn Mio. Euro.

Wo kommen die Margen her?

In Finnland sind die Wege lang. Jederzeit einen Kreditantrag online ausfüllen zu können, ist daher ein echter Wettbewerbsvorteil.
In Finnland sind die Wege lang. Jederzeit einen Kreditantrag online ausfüllen zu können, ist daher ein echter Wettbewerbsvorteil.(Foto: REUTERS)

Doch womit verdienen die Unternehmen ihr Geld, wenn die Zinszahlungen und die Rückzahlungsraten den Kreditgebern gutgeschrieben werden? Das habe er sich auch gefragt, als er die Anfrage gekriegt habe, ob er bei Fixura arbeiten wolle, meint Jochen Häfele. Denn es sei klar, dass man bei den geringen Gebühren ein großes Volumen braucht.

Doch die Rechnung scheint aufzugehen: Bei dem finnischen Unternehmen bezahlen die Anleger bis 100.000 Euro Anlagesumme einmalig zwei Prozent, über 100.000 Euro sind es ein Prozent. Zusätzlich nimmt sich Fixura 0,9 Prozent von dem zustande gekommenen Kreditvolumen, als Refinanzierungsbeitrag für die Kreditnehmergenerierung. Die Werbeaufwendungen auf der Anlegerseite hielten sich in Grenzen, erklärt Häfele. Im Gegenteil gebe es einen Überhang an Kapitalgebern, weil es sich als eine sehr gute Anlageklasse herausgestellt habe. "Erhebliche Kosten gibt es dagegen bei der Kreditnehmergenerierung", so der Manager und beziffert sie auf 3 – 3,5 Prozent. "Wenn Sie also 100.000 Euro anlegen, gibt Fixura 3.500 Euro aus, um für Sie die passenden Kreditnehmer zu generieren."

Dazu gehört zum Beispiel die Bonitätsbewertung, die extern vorgenommen wird. Denn locker sitzt das Geld nicht: Insgesamt kommt nur jeder zehnter Kreditantrag zustande. Die Kreditnehmer bezahlen eine einmalige Abschlussgebühr in Höhe von fünf Prozent sowie eine laufende Provision von jährlich zwei Prozent. Aktuell erzielen Fixura eine Renditespanne von 7 – 14 Prozent. Möglich macht das auch die insgesamt schlanke Aufstellung des Unternehmens mit 20 Mitarbeitern. Fast alles läuft automatisch, nur für die Helpline und den IT-Bereich hat Fixura hohe Aufwendungen.

Kleine Summen, breit gestreut

Beispielkonto bei Fixura: Man kann das Geld ansammeln...
Beispielkonto bei Fixura: Man kann das Geld ansammeln...(Foto: Fixura)

Anders als etwa bei Auxmoney kann man sich bei Fixura aus Deutschland heraus nur als Kreditgeber engagieren, Kreditnehmer auf der Plattform sind ausschließlich Finnen. "Für die Investition in Finnland spricht die sehr geringe Staatsverschuldung und eine recht hohe Grundversorgung", erklärt Häfele. Es gebe keine extremen Boombranchen, die Gefahr eines plötzlichen Konjunktureinbruchs seien sehr gering, ebenso die Arbeitslosenquoten. "Dadurch sind die Kreditausfallquoten sehr gering."

Wie bei anderen Kreditplattformen auch bekommen die finnischen Kreditnehmer bei Fixura je nach Einkommen und Vermögen ein Kreditranking, mit dessen Hilfe die Bonität beurteilt werden kann. Anleger können dann entscheiden, zu welchem Zinssatz und für welchen Zeitraum sie einen Betrag verleihen wollen. Bei Auxmoney können die Investoren mit 50 Euro starten, bei Fixura liegt die Mindestanlage liegt derzeit bei 1000 Euro, die auf mindestens zehn Kreditnehmer verteilt wird, um das Risiko zu streuen. Doch es gibt Pläne, die Summe auf 5000 Euro zu erhöhen. "Die Gelder auf mindestens 50 Kreditnehmer zu verteilen ist von der Risikostreuung natürlich noch besser", sagt der Projektmanager. Zudem sei das Kreditrisiko bei 2000 Euro je Anleger begrenzt. "Selbst wenn Sie sagen, das hört sich gut an, dieser Kredit von 10.000 Euro, tolle Verzinsung, ich möchte den gerne komplett, wird Fixura es nicht zulassen, dass Sie mehr als 2000 Euro übernehmen."

... oder monatliche Auszahlungen vereinbaren.
... oder monatliche Auszahlungen vereinbaren.(Foto: Fixura)

Die Renditen entstünden vor allem durch die monatlichen Zins- und Tilgungszahlungen, die auf Wunsch mit Hilfe der "Autoinvest" Funktion gleich wieder veranlagt werden können. "Sobald sich auf Ihrem Konto 100 Euro angesammelt haben, gehen die in ein neues Kreditprojekt, wenn es entsprechend Ihren Einstellungen, was Bonität, Mindestzins und Laufzeit betrifft, Anfragen gibt", erklärt Häfele.

Sorgen, dass man für drei oder fünf Jahre, je nach Kreditvertrag, sein Geld an private Leute verleiht, ohne in dieser Zeit etwas davon zu sehen, muss man laut dem Fixura-Manager nicht haben. Der Cash-Flow sei sehr gut. So habe sich beispielsweise eine Kundin mit monatlich 3000 Euro Zinseinkünfte, 2000 Euro davon als Zusatzrente auf ihr Girokonto überweisen lassen. Danach würde das System weiter Geld sammeln und erst wenn wieder mehr als 2000 Euro auf dem Fixura-Konto seien, würde das Geld wieder in 100-Euro-Blöcken neu rausgehen. "Man kann die Autoinvest-Funktion aber auch komplett ausschalten."

Die bessere Alternative?

Die Geschäftsmodelle von Online-Kreditplattformen bestechen durch ihre einfachen Strukturen. Doch ist es wirklich so leicht, Kredite aufzunehmen beziehungsweise mit schönen Renditen zu finanzieren? "Grundsätzlich klingt das alles immer sehr verführerisch, sehr verlockend", meint Stefanie Laag von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen. Ohne die Geschäftsmodelle verteufeln zu wollen, rät die Verbraucherschützerin dringend dazu, sich wie bei jeder Anlage gründlich zu informieren.

Als Kreditnehmer müsse man sich beispielsweise genau überlegen, warum man sich an solche Portale wendet: "Es könne für Kreditsuchende unter Umständen eine gute Möglichkeit für einen zusätzlichen Preisvergleich sein." Wer aber vor allem den Banken aus dem Weg gehen will, der muss sich bewusst sein, dass man es dabei nicht nur mit Privatmenschen zu tun hat, die im Zweifel mehr Verständnis für säumige Schuldner haben, als eine Bank. "Nicht jeder darf in Deutschland gewerblich Kredite vergeben. Im Grunde sind es also nicht Mensch-zu-Mensch-Kredite, sondern Mensch-Bank-Mensch-Kredite." Und bei Zahlungsproblemen hänge es von den Bedingungen des Portals ab, wie damit umgegangen wird.

Geht es um einen besonders günstigen Kredit empfiehlt Laag, darauf zu achten, dass keinerlei Vorabkosten fällig werden. Grundsätzlich sollte man sich nur mit solchen Angeboten beschäftigen, die man auch durchschaut habe. "Auch wenn es mühsam ist: Immer die AGBs lesen und sich bei neuen Kreditverträgen neu informieren, denn schon nach wenigen Monaten können sie sich komplett verändert haben, das ist ein schnelllebiges Geschäft."

Freie Verwendung

Anleger müssten sich zudem bewusst machen, dass die meisten Portale verwendungszweckfreie Kredite vergeben würden, so die Verbraucherschützerin. "Weder das Portal noch der Anleger haben die Möglichkeit die Verwendung des Geldes zu hinterfragen", erinnert Laag. "Wenn ich etwa besonders an ökologischer Geldverwendung interessiert bin, kann ich überhaupt nicht überprüfen, ob dieser ökologische Zweck erfüllt wurde oder eine Urlaubsreise mit dem Geld gemacht wurde."

Bei der Qualität der Kreditnehmer geben die Ausfallquoten derzeit keinen Anlass zur Sorge, bei Fixura sind seit dem Start der Plattform Mitte 2010 lediglich zwei Kredite ausgefallen, bei Auxmoney liegt die Quote auch im niedrigen einstelligen Bereich. Dennoch sollte man zur Sicherheit immer auf eine ausreichende Streuung des Kapitals achten, empfiehlt Benjamin Feingold von Feingold Research. "In der Summe können Anleger wesentlich mehr als den Tagesgeldsatz verdienen, tragen allerdings auch ein höheres Risiko als bei einer Festzinsanlage."

Und wie stehen die Erfolgschancen dieser Plattformen in Deutschland? Stefanie Laag hat Zweifel, ob es hierzulande einen großen Markt dafür gibt. "Im ganzen Kreditverhalten unterscheiden wir uns doch sehr von den USA und Großbritannien, wo etwa auch Kreditkarten ganz anders genutzt werden." Man könne gewisse Schlussfolgerungen daraus ziehen, dass sich mit Smava einer der größeren Anbieter, der sich auf dem Markt sehr bemüht habe, sein Geschäft wieder auf ein eher normales Kreditvermittlungsportal umgestellt habe.

Jochen Häfele sieht das gelassen: "Grundsätzlich ist Geld natürlich immer leichter verteilt als eingesammelt." Doch habe Fixura wie gesagt bislang keine Probleme gehabt, Kreditgeber zu finden.

Quelle: n-tv.de

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