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Also doch: EZB öffnet Büchse der Pandora

Jean-Claude Trichet ist nicht zu beneiden. Gleich mehrfach muss der Chef der Europäischen Zentralbank binnen weniger Tage von wichtigen Leitlinien der Notenbank abrücken. Damit steht die so wichtige Glaubwürdigkeit auf dem Spiel - doch ohne Zugeständnisse möglicherweise noch viel mehr.

Lange hat sich EZB-Präsident Jean-Claude Trichet gegen den direkten Aufkauf von Staatsanleihen gewehrt - nun jedoch steht zu viel auf dem Spiel.
Lange hat sich EZB-Präsident Jean-Claude Trichet gegen den direkten Aufkauf von Staatsanleihen gewehrt - nun jedoch steht zu viel auf dem Spiel.(Foto: REUTERS)

Am Ende brechen alle Dämme: Nach langem Pokerspiel mit den Investoren an den Finanzmärkten und zuletzt von der Politik unter massiven Zugzwang gesetzt, ist die Europäische Zentralbank in der Nacht zum Montag doch eingeknickt. Um ein Auseinanderbrechen der Euro-Zone und das dann unausweichliche Aus der Gemeinschaftswährung zu verhindern, öffnen die Hüter des Euro die Büchse der Pandora. Mit dem nun beschlossenen Kauf von Staatsanleihen brechen die Notenbanker ein weiteres Mal innerhalb weniger Tage ein Tabu. Das Experiment ist extrem riskant: Auf dem Spiel steht die Glaubwürdigkeit der EZB als von der Politik unabhängige, nur dem Wohl der Währung verpflichtete Institution. Und sollte das Experiment scheitern, droht zudem ein kräftiger Anstieg der Teuerung in der Euro-Zone.

Die EZB hat sich für das nach ihrer Ansicht kleinere Übel entschieden und muss nun hoffen, dass ihre Medizin trotz aller Risiken und Nebenwirkungen am Ende die Vertrauenskrise des Euro auch heilt. "Durch die Eingriffe der EZB werden sicher das Mandat und die Unabhängigkeit der Notenbank infrage gestellt. Wir sind aber davon überzeugt, dass die Maßnahmen notwendig sind, um den Teufelskreis, der zunehmend die Weltwirtschaft bedroht, zu durchbrechen", kommentierten die Analysten der Royal Bank of Scotland am Morgen nach dem richtungweisenden Grundsatzbeschluss des EZB-Rats. Fest steht: Durch die zunehmende Spekulation an den Finanzmärkten gegen den Euro war in den vergangenen Tagen eine für Politiker und Notenbanker untragbare Situation entstanden.

Euro-Banker in Zwangslage

Nachdem in den vergangenen Wochen lediglich die bekannten Schuldenprobleme Griechenlands die Debatte bestimmt hatten, schien vergangene Woche das historische Projekt des Euro in Gefahr. Vor dem Euro-Gipfel der Staats- und Regierungschefs am Freitag in Brüssel eskalierte die Lage und zwang die EZB zum Eingreifen. "Plötzlich waren nur noch deutsche Bundesanleihen liquide, noch nicht einmal mehr gute französische Staatstitel", erklärt ein Euro-Notenbanker die Zwangslage. "Es musste gehandelt werden - ohne Rücksicht auf Verluste." Als Frankreichs Staatspräsident Nicolas Sarkozy den anderen Regierungen einen gigantischen, rund 750 Milliarden Euro schweren Schutzschirm für den Euro abrang, konnte auch die EZB nicht mehr abseits stehen und gab ihren Widerstand auf.

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Nun schießen die Hüter des Euro aus allen Rohren: Nur Stunden nach dem Beschluss begannen mehrere nationale Notenbanken damit, Staatsanleihen am Sekundärmarkt zu kaufen - dem Vernehmen nach vor allem Bonds von Problemländern. Auch der eigentlich schon längst eingeläutete Ausstieg aus den gegen die Finanzkrise eingeführten Sondermaßnahmen wird rückgängig gemacht. Die Banken in der Euro-Zone bekommen aus Frankfurt Liquidität satt zum voraussichtlich noch für lange Zeit rekordniedrigen Leitzins. Und in Kooperation mit der US-Notenbank Federal Reserve gibt es zudem einen warmen Dollar-Regen für die Institute. Denn selbst die Weltreservewährung Nummer eins war vor dem Wochenende knapp geworden in Europa.

Fatalismus Fehlanzeige

Am Ende bleibt die Frage, welche Wahl Trichet & Co. überhaupt noch hatten, nachdem die Staats- und Regierungschefs unter dem Eindruck der Existenzkrise des Euro beschlossen hatten, den Kampf mit den Spekulanten aufzunehmen. Da es letztlich immer Menschen mit ihren Zielen, Träumen und Vorstellungen sind, die hinter Entscheidungen mit großer Tragweite stehen, kann man wohl davon ausgehen, dass keiner der Hüter des Euro ohnmächtig zusehen wollte, wie ihm die gemeinsame Währung unter den Fingern zerbröselt: Weder der amtierende EZB-Chef Trichet, noch seine potenziellen Nachfolger Bundesbank-Chef Axel Weber und Mario Draghi von der Banca d'Italia konnten und wollten dies verantworten.

Vom Favoriten zum Außenseiter: Italiens Notenbanker Mario Draghi.
Vom Favoriten zum Außenseiter: Italiens Notenbanker Mario Draghi.(Foto: REUTERS)

Besonders viele Bauchschmerzen dürfte der tief in der Bundesbank-Tradition verwurzelte Weber mit dem Tabubruch der Währungshüter haben. Seine Chancen auf die Nachfolge Trichets im kommenden Jahr sind freilich klar gestiegen im Wettrennen mit Draghi, der als Vertreter eines ehemaligen Weichwährungslandes nun nur noch "allenfalls Außenseiterchancen" eingeräumt werden, wie es in Notenbankkreisen heißt. Egal wer Trichet beerbt, der Nachfolger tritt ein schweres Erbe an. Und eines, das für den ersten Präsidenten der EZB, den Niederländer Wim Duisenberg, so wohl nicht vorstellbar war. Das alte Schlitzohr Duisenberg hatte der EZB ein berühmt gewordenes Bonmot hinterlassen: Eine Zentralbank müsse sein wie Pudding, "je mehr man sie schlägt, desto härter wird sie." Die EZB ist im Angesicht der Apokalypse des Euro unter dem Druck von Politik und Märkten weich geworden. Ob das am Ende den Euro rettet, muss sich erst noch zeigen. Am Tag des Dammbruchs machte die Gemeinschaftswährung am Devisenmarkt jedenfalls viel Boden gut.

Quelle: n-tv.de

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