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An den US-Börsen dominiert Optimismus.
An den US-Börsen dominiert Optimismus.(Foto: REUTERS)

Banger Blick nach vorn: Wie lange feiern die US-Börsen noch?

Von Egmond Haidt und Benjamin Feingold

Der S&P 500 feiert seit der Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten einen Rekordstand nach dem anderen. Über Belastungsfaktoren wird derzeit schnell hinweggesehen, dabei braut sich allmählich etwas zusammen.

Die Party beim S&P 500 läuft auf vollen Touren und Anleger können kaum pessimistische Stimmen vernehmen. Um die Crash-Gurus ist es recht still geworden, dabei gibt es genügend Warnsignale, die künftig den Markt ausbremsen könnten. Einen solchen Hinweis liefern beispielsweise die kräftig gestiegenen Zinsen. Aktuell kann aber selbst die Aussicht, dass die US-Notenbank im nächsten Jahr die Zinsen etwas stärker anheben könnte, als Investoren bislang erwartet hatten, den S&P 500 aber auch andere Indizes wie den Dax kaum bremsen.

Nach der Sitzung der US-Notenbank am 14. Dezember hatte Fed-Chefin Janet Yellen signalisiert, die Fed wolle im kommenden Jahr die Zinsen drei Mal anheben, nachdem bei der Sitzung im September nur zwei Erhöhungen in Aussicht gestellt worden waren. Verantwortlich für die geldpolitische Verschärfung ist die Aussicht auf ein großes Konjunkturprogramm des designierten US-Präsidenten Donald Trump. Er will ein Infrastrukturprogramm von einer Billion Dollar auflegen und Steuersenkungen in Billionenhöhe durchsetzen. Ersten Schätzungen zufolge würden dadurch die ohnehin kräftig steigenden Staatsschulden in den nächsten zehn Jahren, um zusätzliche 5,3 Billionen Dollar zulegen. Daher flüchten Investoren aus Anleihen, wodurch die Zinsen für zehnjährige Anleihen zuletzt auf rund 2,6 Prozent nach oben geschossen sind.

Zinsen belasten

Stark steigende Zinsen bedeuten erheblichen Gegenwind für die hochverschuldete US-Wirtschaft. So sind die Schulden der Amerikaner, also von Staat, privaten Haushalten und Unternehmen außerhalb des Finanzsektors, zuletzt auf den Rekordwert von insgesamt mehr als 67 Billionen Dollar gestiegen – das sind herbe 360 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung. Ein Zinsanstieg belastet vor allem die Hauskäufer und -finanzierer, die Hypothekenzinsen sind in den vergangenen Wochen um 70 Basispunkte (0,7 Prozentpunkte) gestiegen. Für jemanden, der eine Hypothek von 250.000 Dollar refinanzieren muss, bedeutet das eine zusätzliche jährliche Zinsbelastung von 1750 Dollar.

Etliche Investoren warnen daher, dass weiter steigende Zinsen allmählich Gegenwind für den Aktienmarkt bedeuten könnten. Der Anleihen-König Jeff Gundlach sieht eine kritische Zinsmarke bei drei Prozent: "Zinsen von mehr als drei Prozent für zehnjährige Anleihen stellen etliche Aspekte des Aktien- und des Häusermarkts im Besonderen in Frage." Neben den steigenden Zinsen bekommt die US-Wirtschaft noch von einer anderen Seite deutlichen Gegenwind: dem stark steigenden Dollar. Dadurch werden US-Produkte im Ausland deutlich teurer, während ausländische Produkte in den USA billiger werden. Damit trüben sich die Perspektiven für die US-Exportwirtschaft ein. Umso mehr setzen Investoren darauf, dass es Trump gelingen wird, im nächsten Jahr die Konjunktur kräftig anzukurbeln. Darauf deuten zumindest zahlreiche Einkaufsmanagerindizes aktuell hin.

Zykliker führen die Rally an

Daher ist der US-Aktienmarkt auf dem Weg nach oben. Angeführt wird die Party vor allem von den Bankaktien. Sie profitieren von der Erwartung, dass es unter Trump zu einer deutlichen Deregulierung des Sektors kommen wird. Den Instituten mit einem bedeutenden Geschäft im Investmentbanking kommt zudem der Aufwärtstrend am weltweiten Aktienmarkt zugute. Die Aussicht auf Steuersenkungen und Investitionsprogrammen beflügeln vor allem zyklische, also Unternehmen aus stark konjunkturabhängigen Sektoren, weil sie von einer Belebung der US-Wirtschaft am stärksten profitieren würden.

Nach der Rekordfahrt ist der S&P 500 höher bewertet als selten zuvor. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) liegt bei 17 und damit weit über dem langjährigen Durchschnitt. Der starke Anstieg hat laut John Hussman zu einem extrem "überbewerteten und überkauften" Umfeld geführt. Der Vorsitzende der renommierten US-Investmentfirma Hussman Funds bewertet das Kapitalmarktumfeld aus verschiedenen fundamentalen Indikatoren. Sein Fazit daraus: "Derartige Extreme traten nur an Höhepunkten am Markt auf, die den schlimmsten Zusammenbrüchen in den vergangenen 100 Jahren vorausgegangen sind." Der Finanzprofi listet die Termine genau auf: August 1929, August 1972, August 1987, Juli 1999, März 2000, sowie Juli und Oktober 2007. Anschließend sei es jeweils zu kräftigen Kursrückschlägen am US-Aktienmarkt gekommen.

Anleger sollten daher Zinsen und Dollar weiter beachten. Sollten sich gerade die Zinsen rapide der Marke von drei Prozent nähern, dürfte die Hausse beim S&P 500 ins Stocken geraten. "Anleger, die sich vor einem Abschwung im S&P 500 schützen wollen, können sich derzeit mit Put-Optionsscheinen vergleichsweise preiswert absichern", meint Adrian Hurler, Derivate-Experte von Goldman Sachs. "Diese Hebelprodukte sind aufgrund der recht niedrigen impliziten Volatilität derzeit vergleichsweise günstig und würden bei einer Korrektur von fallenden Kursen im S&P 500 profitieren", ergänzt Hurler. Denn häufig zieht die Volatilitätsbewertung bei fallenden Kursen ebenfalls an, was für Optionsscheine vorteilhaft ist.

Dann wird es einmal mehr auf Yellen ankommen. Angesichts des hohen Schuldenbergs der Amerikaner dürfte Yellen einen kräftigen und nachhaltigen Zinsanstieg trotz gegenteiliger Beteuerungen nicht zulassen. So kann die Börsenparty á la Trump noch eine Weile weitergehen.

Quelle: n-tv.de

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