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Zu abgehoben? SAP-Chef Bill McDermott bekommt für das vergangene Jahr fast drei Mal so viel wie 2015.
Zu abgehoben? SAP-Chef Bill McDermott bekommt für das vergangene Jahr fast drei Mal so viel wie 2015.(Foto: dpa)

Kritik an Vorstandsbezügen: SAP-Mitarbeiter sind empört

Von Diana Dittmer

Eigentlich sind die Arbeitnehmer von SAP laut internen Umfragen sehr zufrieden. Das ist wichtig. Der Erfolg der Softwareschmiede hängt von motivierten Entwicklern und Softwareberatern ab. Doch jetzt rumort es im Innern.

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Gutes Timing ist alles. SAP zeigt dafür kein Gespür. Die von der Konzernführung bekannt gegebene saftige Erhöhung der Vorstandsbezüge wird von der Arbeitnehmerschaft nicht gut aufgenommen. Der Betriebsrat beklagt eine ungerechte Verteilung. Der Vorstand profitiere überproportional, sagt Betriebsrat Karl Merx dem "Handelsblatt".

Vor wenigen Tagen hatte die Walldorfer Softwareschmiede mitgeteilt, dass SAP-Chef Bill McDermott für das vergangene Jahr fast drei Mal so viel wie 2015 bekommt. Der Vorstandsvorsitzende von Europas größtem Softwarekonzern erhält demnach knapp 14 Millionen Euro. Im Vorjahr waren es 5,4 Millionen Euro. Der gesamte Vorstand zusammen verdient gut 43 Millionen Euro. Grund für den großen Sprung in den Gehältern ist vor allem die langfristige variable Vergütung, die sich am Kurs der SAP-Aktie orientiert und sich auf mehrere Jahre bezieht.

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Der Softwarekonzern hat Erfolge vorzuweisen. Seine für 2016 gesteckten Ziele hat er zum Beispiel erreicht. Die Aktien sind im vergangenen Jahr um mehr als 20 Prozent gestiegen. Trotzdem sorge das Thema in der Belegschaft für Irritationen, wie Merx sagt. "Warum die Schere zwischen dem mittleren Einkommen der Belegschaft und der Vorstandsvergütung weiter aufgehen muss, verstehen wir nicht."

Dass die Empörung gerade jetzt laut wird, hat seinen Grund: Die Ankündigung der Gehaltsanhebungen kommt mitten in der Debatte über angemessene Vorstandsvergütungen. Ins Rollen hat sie Volkswagen gebracht, weil der Konzern trotz Milliardenverlusten durch die Dieselaffäre stattliche Bonuszahlungen für seine Vorstände übrig hatte. Der vom Thron gestoßene Vorstand Martin Winterkorn erhielt 2014 inklusive aller Boni 15,2 Millionen Euro und galt damit als bestbezahlter Dax-Vorstand. Wenn das Gehalt von McDermott plötzlich einen Aufschrei provoziert, darf es also nicht wundern. Auf diesem hohen Niveau bleibt ein Geschmäckle von Selbstbedienung auf Kosten der Mitarbeiter und Investoren.

Ungerechte Ungerechtigkeitsdebatte?

Trotzdem ist es auch nicht ganz gerecht, dass SAP in den Strudel der Debatte um exzessive Vorstandsgehälter gezogen wird. Im internationalen Vergleich sind die Gehälter bei SAP immer noch ausgesprochen niedrig, wie Experten sagen. Die beiden Chefs von Konkurrent Oracle, Safra Katz und Mark Hurd zum Beispiel bekommen zu zweit annähernd so viel Geld wie der siebenköpfige SAP-Vorstand. Der SAP-Vorstand hat sich auch nichts zu Schulden kommen lassen.

SAP tut sich im Umgang mit den Mitarbeitern in der Regel auch eher positiv hervor: Das Unternehmen gilt als attraktiver Arbeitgeber. Angestellte bekommen laut "Handelsblatt" im Schnitt mehr als 98.000 Euro Gehalt. Im Vergleich mit anderen Dax-Konzernen ist das viel.

Die Mitarbeiter sind laut Umfragen bislang sehr zufrieden mit ihrem Arbeitgeber gewesen. Der sogenannte Engagement-Index, mit dessen Hilfe SAP die Stimmung der Belegschaft misst, stieg allein 2016 um drei Prozentpunkte auf 85 Prozent. Die Befragung der Belegschaft ist für SAP ein wichtiges Thema. Der Konzern weiß, dass sein Erfolg maßgeblich von motivierten Entwicklern und Softwareberatern abhängt.

Trotzdem lässt sich feststellen, dass sich in der Walldorfer Führungsetage in den vergangenen Jahren eine andere Überzeugung breit gemacht hat. Eine Haltung, die größere Gehaltssprünge bei den Führungskräften als bei der Belegschaft rechtfertigt. Laut der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung, die das "Handelsblatt" zitiert, verdiente ein Manager bei SAP 2008 noch das 33-Fache eines Durchschnittsbeschäftigen, 2011 war es bereits das 48-Fache und 2014 das 62-Fache.

Keine amerikanischen Verhältnisse

Der Experte für Vergütungsfragen, Hans Evers, erklärt das hohe Gehalt des SAP-Chefs mit der Tatsache, dass MCDemott als Amerikaner amerikanische Einkommensverhältnisse gewohnt sei. Außerdem mache das Unternehmen einen Großteil seines Geschäfts in den USA, sagt er dem "Handelsblatt". SAP-Aufsichtsratschef Hasso Plattner argumentierte im vergangenen Jahr ebenso: "Die Vergütung ist so bemessen, dass sie international wettbewerbsfähig ist", sagte er. Trotzdem: Auf die Nationalität zu verweisen, greift gerade jetzt zu kurz. Gerade im amerikanischen Bewusstsein scheint sich nämlich etwas zu ändern.

Yahoo-Chefin Marissa Meyer verzichtete gerade erst auf ihren Bonus in Höhe von 14 Millionen Euro und verteilte das Geld unter den Mitarbeitern. Yahoo war zugegebenermaßen nicht so erfolgreich wie SAP, in den vergangenen Jahren ist dort viel schief gelaufen. Es gab riesige Datenpannen. Aber Mayer hätte die Verantwortung nicht übernehmen müssen. Der Diebstahl von Nutzerdaten lag vor ihrer Zeit. Doch als Firmen-Chefin war sie für die Aufarbeitung zuständig. Ihr Verzicht ist so konsequent, wie man es selten sieht.

SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz hat die Debatte über überzogene Gehälter zum Anlass genommen, ein Gesetz zu fordern, das "Gehaltsexzesse in den Vorstandsetagen einen Riegel vorschiebt". SAP hat sich bei seinem Stimmungsbarometer für die Jahre 2017 bis 2020 Werte von 84 bis 86 Prozent zum Ziel gesetzt. Wie die Arbeitnehmer heute abstimmen würden, lässt sich nur ahnen. Schlechte Werte haben in der Vergangenheit Konsequenzen gehabt: 2010 musste der damalige SAP-Chef Léo Apotheker seinen Hut nehmen, weil nicht nur Kunden meuterten, sondern Zufriedenheitswerte in der Belegschaft einbrachen. McDermott würde vielleicht heute auch nicht so gut abschneiden. Die Frage ist, ob das noch Konsequenzen hätte.

Quelle: n-tv.de

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