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Nicht jede Aktion an der Börse stellt sich später als gute Idee heraus.
Nicht jede Aktion an der Börse stellt sich später als gute Idee heraus.(Foto: ASSOCIATED PRESS)

"Keine Dummheiten machen": Börsenregeln machen Anleger besser

Philipp Stephan ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehr- und Forschungsgebiet BWL, Entscheidungsforschung & Finanzdienstleistungen der RWTH Aachen.
Philipp Stephan ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehr- und Forschungsgebiet BWL, Entscheidungsforschung & Finanzdienstleistungen der RWTH Aachen.(Foto: Philipp Stephan)

Wer an der Börse unterwegs ist, dem unterlaufen auch Fehler. Dabei spiele Psychologie eine wichtige Rolle, sagt Philipp Stephan. Der Informatiker und Experte für Entscheidungsforschung spricht mit Teleboerse.de über nachtragende Anleger, Renditesuche und den Nutzen von einfachen Börsenweisheiten.

Teleboerse.de: Langfristig kennen die Börsen nur eine Richtung, nach oben. Daran ändern selbst heftige Rücksetzer nichts. Der deutsche Leitindex Dax feiert Rekordstände, die Zinsen sind so niedrig wie selten. Dennoch lassen viele Deutsche lieber die Finger von Aktien. Wie erklären Sie sich das?

Philipp Stephan: Wer sich nicht sicher ist, hält sich häufig zurück. Und Entwicklungen an den Börsen lassen sich nun einmal nicht genau vorhersagen. Zudem zeigen verschiedene Studien, dass Menschen Verluste wesentlich stärker wahrnehmen als Gewinne. Insofern halten sie sich typischerweise zurück, wenn etwas stark schwankt. Anders ausgedrückt: Viele investieren ihr Geld lieber möglichst risikolos als es in Aktien zu stecken. Langfristig würde das im Schnitt zwar mehr Rendite bringen – aber auch die Gefahr erhöhen, dass man Verluste erleidet.

Viele Anleger scheinen wirklich sehr nachtragend zu sein. Facebook hängt noch immer der missglückte Börsengang an, obwohl sich die Aktie mittlerweile recht ordentlich entwickelt.

Anleger erinnern sich an ihre Verluste und wollen, dass sich das nicht wiederholt. Das führt dazu, dass viele von ihnen dazu tendieren, sozusagen naiv zu lernen. Sie versuchen also das zu vermeiden, was in der Vergangenheit schlecht gelaufen ist. Dabei gibt es eine Tendenz, Dinge stark zu vereinfachen.

Ist das ein generelles Verhaltensmuster?

Ja. Anleger neigen auch dazu, die Komplexität der Börsen zu unterschätzen. Investoren müssen Unternehmenswerte einschätzen oder beurteilen, wie sich Konzerne in der Zukunft entwickeln. Das ist sehr aufwendig. Und deshalb ignorieren sie häufig diese Komplexität, bevor sie eine Entscheidung treffen.

Dieses Verhalten ist nicht nur an der Börse typisch. Wer einen DVD-Player kauft, setzt sich vorher wohl kaum mit der kompletten Technik auseinander. Das Gerät wird eher anhand der vielen Funktionen gekauft, unabhängig davon, ob man die wirklich braucht. Und so geht es am Aktienmarkt im Prinzip auch zu.

Anleger blenden die Komplexität beispielsweise aus, indem sie Aktien kaufen, die gerade eine große Aufmerksamkeit erfahren – sei es durch Medienberichte oder durch starke Kursbewegungen.

Was sind weitere typische Anlegerfehler?

Privatanleger besitzen häufig zu wenig verschiedene Aktien. Außerdem konzentrieren Sie sich auf Wertpapiere, die aus ihrem eigenen Land kommen.

Sind professionelle Anleger besser?

Je mehr Erfahrung man gesammelt hat, desto besser kann man Fehler vermeiden. Die eben genannten sind dafür ein gutes Beispiel. Professionelle Anleger haben in der Regel ein weit gestreutes Depot. Erfahrung und Ausbildung spielen eine wichtige Rolle. Ob man damit besser abschneidet als der Markt, sei dahingestellt. Man ist zumindest nicht unbedingt deutlich schlechter.

Überschätzen sich Anleger?

Nun, Selbstüberschätzung ist schlichtweg etwas, das uns an anderen Stellen im Leben weiterhilft. Es kann durchaus von Nutzen sein, wenn man nicht zu sehr über seine eigenen Schwächen nachdenkt, sondern sich auf seine Stärken besinnt. Wenn Sie sich immer vor Augen führen, wie viele Menschen etwas besser können, dann kann das lähmend sein. Wer permanent daran denkt, dass es etliche Finanzprofis mit exzellenter Ausbildung auf dem Markt gibt, entscheidet sich vielleicht dazu, überhaupt nicht am Finanzmarkt teilzunehmen.

Die Psychologie spielt offensichtlich eine große Rolle.

Natürlich. Denken Sie an die typische Bestätigungsverzerrung. Wir interpretieren Informationen häufig so, dass sie unsere Meinung bestätigen. Das ist einerseits zwar gut, da es Komplexität reduziert und wir so schnell Entscheidungen treffen können – und nicht ewig lamentieren, ohne zu einem Ergebnis zu kommen. Andererseits führt das nicht immer zu guten Resultaten. Oft ist das Gegenteil der Fall.

Kann man sich Fehler eigentlich abgewöhnen?

Bestimmte Dinge schon. Man kann sich auch vor einer Entscheidung fragen, warum man genau diese Aktie kaufen will. Mache ich das nur, weil gerade ein großer Wirbel um das Papier gemacht wird, oder steckt mehr dahinter? Hilfreich sind dabei tatsächlich einige sogenannte Börsenweisheiten, wie die Regel "Greife nie in ein fallendes Messer". Wenn eine Aktie gerade besonders billig erscheint, kann es durchaus einen Grund dafür geben, warum der Kurs so weit gefallen ist und auch noch weiter fallen könnte.

Also gilt die Regel "the trend is your friend"?

Kein Trend dauert ewig. Wer ihm folgt, nimmt möglicherweise auch den Crash mit. Aber wenn Sie sich bereits zu Beginn des Entstehens der Dotcom-Blase aus dem Markt verabschiedet hätten, dann hätten sie die gesamte Aufwärtsbewegung verpasst. Es kommt nun einmal auf den Zeitpunkt an, wann man Entscheidungen trifft.

Interessant ist hierbei auch die Frage, wie stark man profitiert, wenn man der einzige ist, der recht hat. Das spielt bei institutionellen Anlegern eine große Rolle. Fondsmanager werden daran gemessen, ob sich der Fonds besser als die entsprechende Benchmark entwickelt. Wenn sie dabei deutlich besser sind, lohnt sich das sicher. Aber sollten sie, um das zu erreichen, wirklich gegen den Rest des Marktes wetten? Das ist für sie persönlich hochriskant, denn sie können auch der einzige Verlierer sein. Deshalb entscheiden sich viele, lieber das zu tun, was andere auch machen. Es geht also nicht nur um Entscheidungsfehler, auch andere Faktoren spielen eine große Rolle.

Und wie verhält sich ein Anleger richtig?

Ich denke, dass Warren Buffett ein gutes Beispiel ist. Er trifft Entscheidungen auf Grundlage von einfachen, nachvollziehbaren Anlageregeln. Buffett investiert beispielsweise nur in Unternehmen, deren Geschäftsmodell er versteht. Darum hat er sich von der New Economy ferngehalten. Vielleicht lautet die beste Regel für Anleger: Keine Dummheiten machen.

Mit Philipp Stephan sprach Jan Gänger

Bilderserie

Quelle: n-tv.de

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