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Der Höhenflug kann noch weitergehen, allerdings überwiegen die Rückschlaggefahren.
Der Höhenflug kann noch weitergehen, allerdings überwiegen die Rückschlaggefahren.(Foto: picture alliance / Richard Drew/)
Samstag, 27. Mai 2017

Trügerische Sicherheit: 5 Risiken am US-Aktienmarkt

Von Egmond Haidt und Benjamin Feingold

Der S&P 500 eilt von einem Rekord zum nächsten. Dabei ignorieren Investoren die zunehmenden Gefahren und einen guten Rat von Warren Buffet: "Fürchte dich, wenn andere gierig werden".

Die Party am US-Aktienmarkt scheint kein Ende zu nehmen: Der S&P 500 ist gegenüber dem Stand von vor einem Jahr um 15 Prozent geklettert und markiert fast täglich neue Rekordstände, weil Investoren jeden noch so kleinen Rückgang zum Nachkaufen nutzen. Während viele Anleger zunehmend bullish und damit leichtsinnig werden, erinnern sich etliche Investoren an den Spruch von Investorenlegende Warren Buffet: "Sei gierig, wenn andere sich fürchten, und fürchte dich, wenn andere gierig werden." Jetzt ist also eher die Zeit sich zu fürchten, weil andere Anleger gierig und vor allem sorglos werden. Gründe für eine schwächere Aktienkursentwicklung gäbe es mehr als genug, wobei vor allem die folgenden fünf von großer Bedeutung sind.

Politische Risiken in den USA nehmen zu

Die Zeiten, als US-Präsident Donald Trump und die Aussicht auf eine mögliche Billionenschwere Steuerreform den US-Aktienmarkt beflügeln haben, sind lange vorbei. Nach etlichen Skandalmeldungen, wie den Kontakten von Trumps Wahlkampfteam zu Russland bis hin zu Berichten, Trump habe zwei hochrangige Geheimdienstchefs gebeten, ihn öffentlich von Vorwürfen der Russland-Verstrickung freizusprechen, nehmen die politischen Risiken in den USA fast täglich zu. Investoren sind zusehends der Auffassung, dass es Trump wohl kaum gelingen dürfte, eine Steuerreform durch den Kongress zu bringen. Dass aus der ehemaligen Trump-"Euphorie" inzwischen Trump-"Angst" geworden ist, zeigt, dass die Zinsen für zehnjährige US-Anleihen mit 2,25 Prozent nur noch leicht über dem Stand von 2,06 Prozent vom 9. November liegen, als die Börse noch den Wahlsieg von Trump gefeierte hatte.

US-Wirtschaft schwächelt

Ein weiterer Risikofaktor für den US-Aktienmarkt ist die zuletzt schwache Entwicklung der US-Wirtschaft. Sie bekommt die drei Zinserhöhungen der US-Notenbank seit Dezember 2015 deutlich zu spüren, was sich etwa am Auto- und Immobilienmarkt widerspiegelt. So lag der US-Autoabsatz in jüngster Zeit deutlich unter dem Vorjahresniveau. Gleichzeitig beliefen sich die Lagervorräte des größten US-Autobauer General Motors zuletzt auf 100 Tage im Verhältnis zum aktuellen Verkaufsvolumen. Ein "normaler" Wert wären aber bloß 60 bis 70 Tage. Um die Lagervorräte zumindest ein wenig abzubauen, dürfte wohl künftig die Produktion gedrosselt werden.

Gleichzeitig haben die zwischenzeitlich gestiegenen Hypothekenzinsen den Häusermarkt erheblich belastet. "So waren die Verkäufe neuer Häuser im April um 11,4 Prozent gegenüber dem Vormonat eingebrochen", sagt Jochen Stanzl, Chef-Marktanalyst bei CMC Markets. "Damit liegt der Absatz nur mehr auf dem Vorjahresniveau. Immer mehr Amerikaner können sich wegen der stark steigenden Immobilienpreise ein eigenes Haus nicht mehr leisten", so Stanzl weiter. Eine zunehmende Abkühlung in den wichtigen Märkten Auto und Immobilien könnten die schwache Wirtschaft weiter belasten. Auf die Dauer könnte es dem Aktienmarkt schwer fallen, sich von den enttäuschenden Konjunkturdaten abzukoppeln.

Deutliche Konjunkturbelebung nicht in Sicht

Die US-Notenbank beteuert zwar, dass die aktuelle Konjunkturschwäche nur vorübergehender Natur sei und sich die Wirtschaft schon bald deutlich beleben werde. Zwar könnte es nach dem schwachen ersten Quartal zu einer leichten Belebung kommen, weil es ein paar Nachholeffekte gibt, allerdings könnten Firmenlenker auch noch stärker auf die Investitionsbremse treten als zuvor, sollte Trumps Steuerreform entweder gar nicht kommen oder deutlich kleiner ausfallen als bislang erwartet.

Wenn eine Wirtschaft, deren Wachstum in den vergangenen Jahren vor allem durch Schuldenwachstum angetrieben worden ist, das Kreditvolumen bei Weitem nicht mehr so stark wächst wie zuvor, wird die Wirtschaft enorm gebremst. So lagen die Unternehmenskredite zuletzt um nur mehr 2,0 Prozent über dem Vorjahresniveau, nachdem im November 2016, also zum Zeitpunkt von Trumps Wahlsieg, noch ein Plus von 8,0 Prozent zu Buche stand. In den folgenden Monaten ist der Wert aber nach unten gerauscht und könnte in einem anhaltend schwachen Umfeld sogar in den negativen Bereich abrutschen.

US-Aktienmarkt ist hoch bewertet

Neben den trüben Konjunkturperspektiven bereitet die hohe Bewertung des S&P 500 Kopfzerbrechen. Nicht nur das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) zeigt mit 17,6 wie hoch der Index bewertet ist, sondern auch das  Kurs-Umsatz-Verhältnis (KUV). Dabei wird der Börsenwert der Unternehmen durch deren Umsatz dividiert. Während der Gewinn beispielsweise durch sehr niedrige Zinsen stark nach oben verzerrt werden kann, spiegeln die Erlöse die tatsächliche Leistung der Firmen wider. Wie groß die Blase beim S&P 500 ist, zeigt die Bewertung anhand des Median.

Er zeigt eine Verteilung auf zwei gleich große Hälften, die obere ist genau so groß wie die untere. Mit Median beim S&P 500 ist also die 250. Aktie gemeint. Hier liegt das KUV bei 2,5. Das ist ein Rekordhoch und liegt damit weit über dem ehemaligen Spitzenwert von 1,8 aus dem Jahr 2007 und von 1,7 aus dem Jahr 2000. Der langfristige Schnitt liegt hingegen unter 1,0. Auf die Bewertung anhand des Median zu schauen, ist daher sinnvoll, auch weil das Ergebnis im Vergleich zur Bewertung des Index nicht durch Schwergewichte, wie Apple, Alphabet, Amazon und Facebook verzerrt wird.

Der Median von 2,5 zeigt, dass der Index derzeit in seiner gesamten Breite überbewertet ist und eine Korrektur auslösen könnte. Daher ist es nicht verwunderlich, dass Anleger auch hierzulande viele US-Aktien handeln, etwa auf gettex in München. "Unter den 20 am stärksten gehandelten Aktien im Mai gehören bisher mit Amazon, Apple, Facebook, Nvidia und Tesla auch fünf US-Aktien", sagt Ulrich Kirstein, Pressesprecher der Bayerischen Börse AG (gettex). "Das zeigt das derzeit große Interesse an amerikanischen Aktien, denn nicht immer finden sich so viele US-Titel unter den Top-Werten", so Kirstein weiter.  

US-Notenbank will Zinsen weiter erhöhen

Angesichts der obigen Risikofaktoren kommt es mehr denn je auf die US-Notenbank an. Wenn sie die Zinsen noch weiter erhöht, belastet sie die ohnehin schwache Wirtschaft weiter und riskiert damit, dass sie sich weiter abkühlt, oder sogar in die Rezession abrutscht. Zuletzt hat die Fed einmal mehr klar gemacht, dass sie bei der nächsten Sitzung am 14. Juni die Zinsen anheben will. Zudem bereitet die Fed weiterhin den Abbau ihrer Bilanzsumme, also den allmählich Verkauf von Staats- und Hypothekenanleihen, vor, womit der Wirtschaft weniger Liquidität zugeführt wird als bislang.

Damit würde die Fed aber auch das Sicherheitsnetz unter dem Aktienmarkt wegziehen, was ein böses Erwachen bei Investoren geben könnte. Zwar kann der Höhenflug noch etwas weitergehen, allerdings überwiegen klar die Rückschlaggefahren.

Quelle: n-tv.de

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